Die 14. Ausgabe des BROADWAY steht unter dem Titel „Was wir können“. Die Beiträge zeigen exemplarisch, wie lebendige Angebote auch entgegen der aktuellen Krisen durch gemeinsames Wirken entstehen und erhalten werden können. Wir sprechen mit Gewerbetreibenden, Kulturschaffenden und sozial Engagierten entlang der Karl-Marx-Straße, widmen uns dem Thema der Müllvermeidung, geben einen Einblick in die gemeinwohlorientierte Gesundheitsversorgung und zeigen, wie sich ein inklusives Zusammenleben im Zentrum gestalten und von Vielfalt bereichern lässt.

Stand Juli 2023

Sehnsucht Sprengkraft

Der Heimathafen Neukölln versteht sich als eine Bühne für Neukölln. Die neue Initiative Welt Kultur Kiez Neukölln soll ein Netzwerk für Orte und Ideen werden.

Straßenszene Neukölln (Foto: Maryam Hojjati und John Kolya Reichart)

Immer wenn man denkt, man hat es verstanden, ist dieses Neukölln schon längst wieder weiter, mindestens zwei Schritte: Dieser Kiez versucht ständig, einen abzuhängen. Also gibt es nur eins: man muss dranbleiben. Und dann, ja dann beschenkt einen Neukölln, immer neu – und fast immer unerwartet.

Der Heimathafen Neukölln im historischen Rixdorfer Ballsaal hat dieses Gefühl zum Motto seiner Spielstätte gemacht. Die Stücke greifen aktuelle politische Themen auf, wie zum Beispiel Die Klima-Monologe oder Invisible Game. Die Theaterentwicklung stellt sich aber immer auch der Frage, wo stehen wir, hier in Neukölln: In der Produktion Madre® zum Beispiel wird eine Mutter-Tochter-Beziehung ausgelotet und in Furios! geht es um die ganz persönlichen Erfahrungen der Darstellenden, und zwar mit ihrer Wut.

FURIOS! ist eine wütende Show mit fünf Göttinnen, Band und Seminarleiter (Foto: Verena Eidel)

Aber neben den Geschichten, die erzählt werden und dem Neukölln-Tag, an dem alle Neuköllnerinnen und Neuköllner für 8 Euro die immer wechselnden Veranstaltungen besuchen können, will der Heimathafen auch Bühne sein für Akteurinnen und Akteure aus dem Kiez. Er ist zu einem Ort geworden, an welchem neue Formate entwickelt wurden. So wie die Kiez-Debatte: hier wurden bereits mit lokalen Initiativen, Expertinnen und Experten und dem Publikum aktuelle Themen wie die Wohnraumkrise, der Ausbau der A100 und der rechte Terror in Neukölln diskutiert. Und ab Herbst 2023 übernehmen Neuköllnerinnen und Neuköllner auch die Bühne selbst: Mit dem Neuköllner Ensemble wird dann eine dauerhafte Bürgerbühne am Heimathafen Neukölln eröffnet. Es geht darum, Formen und Mittel zu finden, um den Themen Ausdruck zu verleihen, die einen selbst bewegen. Mit Nachdruck natürlich, versteht sich.

Die Themen und Formate haben Neuköllnbezug  – aber eine Sparte macht das ganz besonders deutlich: Der Jugendclub. Bei den Active Player NK kann jede*r Jugendliche aus Neukölln mitmachen und ein Stück mitentwickeln, und zwar ohne Anleitung und Führung. Die Jugendlichen bestimmen selbst das Thema, entwickeln eine Geschichte und führen Regie, und wechseln sich dabei ab. Heraus kommen Theaterabende, die mit beeindruckender Intensität ihren Blick auf die Welt zeigen.

Bei den Sing dela Sing-Abenden singen regelmäßig alle mit – all night long (Foto: Verena Eidel)

Kiezansichten
Das Neuköllner Theater übergibt die visuelle Gestaltung regelmäßig an Künstlerinnen und Künstler aus dem Bezirk und leiht sich von ihnen ihre Sprengkraft. Diese Kooperationen machen unterschiedliche Blicke auf den Kiez sichtbar und lassen die Stimmungen im Drumherum spürbar werden. In der aktuellen Spielzeit hat der Heimathafen gemeinsam mit der Künstlerin Hanna Mattes das Spielzeitmotto Sehnsucht Sprengkraft ausgerufen. Darunter versammelt er den Wunsch nach Befreiung, einer endgültigen Zerstörung von alten Mustern und zugeschriebenen Rollen – und eine Öffnung von Räumen, unter anderem Diskussionsräumen. „Wir wollen es weiterhin tun: Glauben wir an die beste aller Welten! Packen wir es an! Wir werden es gemacht haben können!“

Es geht genau wie im theatereigenen Podcast Butter bei die Fische, in welchem Menschen aus Neukölln zur Sprache kommen, vor allem darum, die Entdeckungen im Kiez zu teilen. Und neugierig zu bleiben für alles, was einem begegnet. Und das kann man schließlich üben. Und so soll auch das neu initiierte Netzwerk Welt Kultur Kiez Neukölln immer weiter wachsen. Alle Teilnehmenden sollen sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam auf Entdeckungstour gehen. Weltkulturerbe, das sind Orte, die vor Veränderung beschützt werden, die erhalten werden müssen – Weltkulturkiez hingegen ist ständig in Bewegung. Das Netzwerk möchte also die verschiedenen Blickwinkel und Stoßrichtungen teilen und zusammenführen und dabei ganz neue Kooperationen fördern. Mit dabei sind Kultureinrichtungen wie die Neuköllner Oper oder das SchwuZ, aber auch Restaurants wie das Café Botanico und das Vorwerck, sowie Galerien und viele andere Orte.

Neukölln ist eine eigene kleine Welt, aber auch eine Welt im Kleinen – kurz, es könnte keinen besseren Platz geben für einen Ort, der Geschichten erzählen will. Bühne frei für Neukölln! Denn wir sind ja alle nur ein Teil von dit Janze!
Lucia Jay von Seldeneck, Heimathafen Neukölln