Die 17. Ausgabe des BROADWAY Neukölln trägt den Titel „Reibungen“ und untersucht damit Konfliktfelder im Zentrum. Denn Begegnungen in vielfältigen und lebendigen Stadtgesellschaften verlaufen nicht immer reibungslos. Die dabei entstehenden Konflikte müssen jedoch nicht zwingend negativ sein, sondern können auch als Anlass zum Dialog dienen. Wie können wir Wege finden, konstruktiv mit ihnen umzugehen? Diese Ausgabe lädt dazu ein, genauer hinzusehen, zuzuhören, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und die eigene Position zu reflektieren. Sie gibt Einblicke in die Herausforderungen des Alltags und stellt gleichzeitig engagierte Initiativen und Vereine vor, die bereits auf konstruktive Weise mit diesen Reibungen umgehen.

Stand Juli 2026

Reibungen erwünscht

Demonstrationen sind oft laut, unangenehm und sorgen nicht immer für reibungslose Begegnungen. Dabei geht es den Demonstrierenden zwar in erster Linie darum, auf Missstände aufmerksam zu machen, den Status quo zu kritisieren und mehr Sichtbarkeit zu schaffen. Doch indem sie mehr Rechte und Veränderungen einfordern, Lärm verursachen, für Diskussionen sorgen und Straßen blockieren, erzeugen sie auch Reibungen. Gerade das macht sie zu einem wichtigen Bestandteil funktionierender Demokratien.

Reibungen entstehen dabei jedoch selten als Selbstzweck. Sie sind vielmehr eine Folge davon, dass unterschiedliche Interessen und Perspektiven aufeinandertreffen. Gerade diese Sichtbarkeit kann Diskussionen anstoßen und dazu beitragen, gesellschaftliche Fragen öffentlich zu verhandeln. Demonstrationen eröffnen somit Räume, in denen unterschiedliche Positionen wahrnehmbar werden und demokratische Aushandlungsprozesse stattfinden können. Dabei müssen demokratische Werte wie Toleranz, Akzeptanz von Meinungsfreiheit und Rücksichtnahme auf Mitmenschen jedoch stets im Vordergrund stehen.

Demonstrierende ziehen am Rathaus Neukölln vorbei, während eine riesige Pappfigur mit Häusern auf dem Körper rollt.

Menschen demonstrieren am Rathaus Neukölln im Rahmen des Umzuges „Karneval für die Zukunft“ für ein Umdenken beim Thema Klimawandel (Foto: IMAGO – Funke Foto Services)

Gleichzeitig bewegen sich Demonstrationen im Spannungsfeld zwischen dem Recht auf Protest und den Rechten Dritter. Das bedeutet, dass das Recht auf Meinungsfreiheit zwar besteht, dieses aber Grenzen hat, sobald Positionen geteilt werden, die hetzerisch oder diskriminierend sind. Eine der größten He­rausforderungen bei politischen Versammlungen besteht oft darin, unangenehme, aber legitime Positionen auszuhalten und unrechtmäßige hingegen zu unterbinden. Doch diese Grenzen werden ständig neu ausgehandelt und zählen heutzutage zu den umstrittensten gesellschaftlichen Kontroversen.

Ein weiterer umstrittener Aspekt ist, wie weit „ziviler Ungehorsam“ gehen darf. Dabei handelt es sich um eine Protestform, die im Gegensatz zu legalen Demonstrationen bewusst Regeln oder Gesetze bricht, ohne Gewalt anzuwenden. Beispiele dafür sind Sitzblockaden, die Besetzung von Orten oder das Festkleben auf Straßen, wie es zuletzt bei Protesten von Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten zu beobachten war. Doch nicht alle Menschen halten diese Form des Protests für legitim. Die einen sehen darin ein wichtiges Mittel, um auf dringende Probleme aufmerksam zu machen, wenn andere Wege nicht zum gewünschten Erfolg führen. Andere kritisieren, dass solche Aktionen den Alltag vieler Menschen beeinträchtigen und eher für Ablehnung sorgen. Die Frage, wann Protest noch gerechtfertigt ist und wann er zu weit geht, wird daher immer wieder öffentlich diskutiert.

Fahrraddemo auf der Karl-Marx-Straße vor dem U-Bahnhof Karl-Marx-Straße mit vielen Radfahrenden und Passanten.

Eine Fahrraddemo eignet sich die Karl-Marx-Straße an (Foto: Christoph Schwantuschke)

Im Kontext legaler Demonstrationen geht es jedoch darum, Reibungen als Ausdruck einer vielfältigen Gesellschaft und einer gesunden Demokratie zu verstehen. Es kann nicht das Ziel sein, Reibungen grundsätzlich vermeiden zu wollen – egal, ob durch Verbote oder durch Konsensfindung. Gerade in vielfältigen Gesellschaften wird es stets unterschiedliche Sichtweisen geben und unmöglich sein, alle Meinungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Im Gegenteil: In den letzten Jahren ist konsensgetriebene Politik sogar vermehrt in die Kritik geraten. Sie habe Gesellschaften entpolitisiert und dazu geführt, dass diese verlernt hätten, sich zu streiten. Demnach bleibt es wichtig, unterschiedliche Positionen zu verteidigen und auszuhandeln. 

Auch im lebendigen Zentrum Karl-Marx-Straße kommt es immer wieder zu Reibungen durch politische Proteste, Aktionen und Versammlungen. So ziehen beispielsweise mehrmals im Jahr größere Gruppen von Radfahrenden durch den Zentrumsbereich und machen damit Fragen der Mobilität und Verkehrssicherheit zum Gegenstand öffentlicher Debatten. Im Zentrumsbereich werden Fahrraddemonstrationen zumeist vom „Netzwerk Fahrradfreundliches Neukölln“ organisiert, oft auch in Kooperation mit Initiativen wie der „Kidical Mass Neukölln“ oder Vereinen wie „Respect Cyclists e. V.“. Dabei werden unter anderem mehr sichere Radwege, eine stadtweite Temporeduzierung auf 30 km/h sowie die „Vision Zero“, eine Zukunftsvision ohne Todesunfälle und Schwerverletzte im Straßenverkehr, gefordert. Allerdings sorgen nicht nur die Forderungen selbst, sondern auch die Art der Demonstrationen bereits für Reibungen. Denn rechtlich gesehen dürfen Fahrradgruppen ab 16 Personen bei Rot weiterfahren, solange sie eine geschlossene Gruppe bilden. Autofahrende, die durch die Radfahrenden im Verkehr aufgehalten werden, reagieren dabei nicht immer verständnisvoll. Insbesondere an Kreuzungspunkten sind daher Personen mit Ordnungsfunktion und Polizeischutz notwendig. Zudem finden Fahrraddemos wie die der Respect Cyclists bevorzugt während des Berufsverkehrs statt, da sie zu dieser Zeit die größte Aufmerksamkeit erhalten.

Lila Demonstrationsbanner mit der Aufschrift „Stop violence against woman worldwide“ und gezeichneten Frauenfiguren.

Das Kollektiv „Asamblea Migrante Berlin“ fordert ein Ende der Gewalt gegen Frauen (Foto: Asamblea Migrante Berlin)

Generell bietet das das Zentrum aufgrund seiner Lage, der hohen Zahl an Passantinnen und Passanten sowie der guten Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr günstige Voraussetzungen, um politische Anliegen sichtbar zu machen. Insbesondere die Karl-Marx-Straße und der Vorplatz vor dem Neuköllner Rathaus zählen zu den wichtigsten öffentlichen Orten für Demonstrationen und politische Versammlungen im Bezirk. Wer hier demonstriert, erreicht eine große Menge Menschen, die mit den Anliegen der Demonstrierenden in Berührung geraten. 

Damit wird zugleich die Bedeutung öffentlicher Räume im Zentrum verdeutlicht: So ist die Karl-Marx-Straße nicht nur eine Verkehrs- und Einkaufsstraße, sondern zugleich auch ein Ort öffentlicher Auseinandersetzung, an dem gesellschaftliche Fragen verhandelt und politische Anliegen sichtbar gemacht werden können. Demonstrationen zeigen somit, dass Demokratie nicht allein in Parlamenten stattfindet, sondern auch dort, wo Menschen ihre Anliegen sichtbar machen und miteinander in Austausch treten.

Dabei sind es längst nicht nur verkehrspolitische Themen, die im Zentrum Karl-Marx-Straße öffentlich verhandelt werden. Immer wieder finden hier auch Kundgebungen zu sozialen, ökologischen oder internationalen Themen statt. Auch bundesweit und international bekannte Aktionstage werden regelmäßig zum Anlass genommen, um auf politische Forderungen aufmerksam zu machen. So ziehen beispielweise auch am Internationalen Frauentag am 8. März oder am Tag der Arbeit am 1. Mai jedes Jahr zahlreiche Menschen durch das Zentrum Karl-Marx-Straße. 

Darüber hinaus haben Demonstrationen aber auch für die Demonstrierenden selbst eine besondere Funktion. Sie ermöglichen es Menschen, sich miteinander zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Anliegen zu formulieren. Wer an einer Demonstration teilnimmt, erlebt häufig, dass persönliche Sichtweisen und Erlebnisse Teil eines größeren gesellschaftlichen Zusammenhangs sind. Aus individuellen Erfahrungen können so kollektive Forderungen entstehen. Demonstrationen schaffen somit nicht nur Sichtbarkeit nach außen, sondern auch ein Gefühl von Teilhabe und Zusammenhalt nach innen.

Doch ganz gleich zu welchem Thema: Demonstrationen und ihre Forderungen sind so vielfältig wie die Gesellschaft selbst. Sie machen diese erlebbar und erinnern daran, dass öffentlicher Raum nicht nur genutzt, sondern auch gestaltet wird. Mögen sie manchmal laut und unangenehm sein, so haben wir doch viele der heutigen Errungenschaften den Protesten der Vergangenheit zu verdanken. In diesem Sinne erfordern sie oft auch viel Mut. Damit eröffnen sie aber nicht nur einen Diskussions-, sondern auch einen Möglichkeitsraum. Das verleiht Reibungen schließlich eine weitere positive Dimension: dass sie nicht nur als Anlass zum Dialog dienen können, sondern auch als Anlass zur Veränderung.

Carolina Crijns, raumscript