Shalom Rollberg – Ein Projekt für Vielfalt und Respekt im Kiez
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Shalom Rollberg – Ein Projekt für Vielfalt und Respekt im Kiez
„Glaubt doch, was ihr wollt… Wir glauben vor allem an eines: an ein friedliches Miteinander!“ ist das Leitbild des Projekts „Shalom Rollberg“, das vom Verein MORUS 14 e.V. getragen wird. „Shalom Rollberg“ ist seit 2013 fester Bestandteil der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hier. Über das Projekt sprachen wir mit dem Leiter Yonatan Weizman.
Mit Schülerhilfe, Gruppenarbeit und Veranstaltungen initiiert „Shalom Rollberg“ interreligiöse Begegnungen und den respektvollen Umgang zwischen Menschen verschiedener Religionen, Kulturen und Lebensstilen. Vor allem muslimische Neuköllner*innen lernen hier von ehrenamtlichen jüdischen Mentor*innen und begegnen sich auf diese Weise ganz selbstverständlich. Im Oktober 2019 erhielt das Projekt beim „Deutschen Nachbarschaftspreis“ den 3. Preis.
Herr Weizman, warum wurde das Projekt „Shalom Rollberg“ ins Leben gerufen?
Im Laufe der Arbeit von MORUS 14 wurde immer deutlicher, dass viele Vorurteile gegenüber Juden existieren, es hier aber kaum Juden gibt. So ist es ja meistens: die Vorurteile sind dort am größten, wo man am wenigsten in Berührung miteinander kommt. Das Gegenteil von Hass ist, sich und seine unterschiedlichen Hintergründe kennenzulernen. Hier im Rollbergviertel bleiben die Kinder viel zu oft unter sich und lernen wenig von der Welt „dort draußen“ kennen. Es ist eine sehr homogene Bevölkerungsstruktur.
Ansatz unseres Projektes ist nicht: komm und triff einen Juden, sondern unser Angebot ist verbunden mit dem hier vorhandenen pädagogischen Bedarf. Die Kinder und Jugendlichen kommen, um zu lernen und unterhalten zu werden. Sie bekommen, was Kinder meistens suchen: Liebe und Unterstützung von Erwachsenen. Normalerweise wird mit den jüngeren Kindern nicht über Politik geredet. Mit den älteren Jugendlichen sieht es schon anders aus, denn diese schnappen z. B. im Fernsehen oder zuhause doch so einiges auf und stellen Fragen. Auch an mich wurde schon die Frage gestellt, warum hast du mein Land gestohlen.
Und wie reagieren Sie dann darauf?
Ich bin überzeugt, dass die verschiedenen Meinungen gehört werden sollen. Ich antworte in solchen Fällen, was ich dazu denke und versuche immer, eine höfliche Diskussion zu ermöglichen. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Ein Streit zu unterschiedlichen Positionen ist bei meiner Arbeit noch nie eskaliert.

Kunstgruppe © Morus 14 e.V.

Kung-Fu-Lehrer Shem Stoler aus Tel Aviv übt mit den Kindern Grundlagen des Kung Fu © Morus 14 e.V.
Wie kann Ihrer Meinung nach das interkulturelle bzw. interreligiöse Miteinander gelingen?
Vorurteile entstehen, wenn Leute sich nicht begegnen. Im Mittelpunkt stehen die Kinder, die gerne hier sein sollen. Wir machen ihnen ein Angebot: hier ist ein Erwachsener, der Zeit hat, mit dir Dinge zu unternehmen, die dir Spaß machen, und über Sachen zu reden, die dir wichtig sind.
Das Rollbergviertel hat einen bestimmten Ruf. Unsere Mentor*innen sind oft überrascht, dass sie hier auf ganz normale Kinder treffen. Wir haben keine Probleme mit Rassismus oder Kleinkriminalität, sondern mit fehlender Bildung. Wir möchten die Welt zu den Kindern bringen und sie neugierig darauf machen. Damit sind wir meiner Erfahrung nach recht erfolgreich.
Ich selbst fühle mich sehr wohl hier und habe noch nie Angriffe gegen mich erlebt. Dennoch: Antisemitismus existiert – nicht nur bei Muslimen, sondern in ganz Deutschland. Projekte wie unseres benötigt man überall.
Wer engagiert sich bei Shalom Rollberg?
Es gibt viele Israelis, die sich einbringen und in ihrer Freizeit etwas Sinnvolles tun möchten. Ein großer Teil meiner Arbeit ist die Akquise Freiwilliger. Ich mache dafür intensive Öffentlichkeitsarbeit. Zudem habe ich gute Kontakte in die israelische Community. In den vergangenen sechs Monaten kommen auch immer mehr Anfragen von selbst. Schwierig ist allerdings, dass für eine Mitarbeit bei uns in der Regel gute Deutschkenntnisse benötigt werden.

Ein weiteres interkulturelles Projekt in Neukölln: „A Door Facing a Door“, Fassadenmalerei Neckarstr. 19, im Rahmen des Projekts „Among Refugees Generation Y“ © Morus 14 e.V.
Wer sind Ihre Kooperationspartner im Bezirk?
Ich arbeite eng mit der Regenbogenschule zusammen. Hier läuft seit 15 Jahren das Projekt „PriiL“ zum interkulturellen und interreligiösen Lernen. In den vierten Klassen werden in zwei Unterrichtsstunden pro Woche verpflichtend für alle die Religionen Islam, Christentum, Judentum sowie die humanistische Weltanschauung gelehrt. Es werden aber auch Theaterstücke erarbeitet und künstlerisch gearbeitet. Am Ende jeder Einheit besuchen die Kinder eines der Gotteshäuser. Ich bin dort der Lehrer für das Judentum.
Sie haben kürzlich den 3. Preis des Deutschen Nachbarschaftspreises gewonnen. Was bedeutet die Auszeichnung für Ihre Arbeit?
Der Preis ist Anerkennung und Bestätigung unserer Arbeit. Auch über die finanzielle Zuwendung freuen wir uns, denn wir finanzieren uns über Spenden. Wir würden gerne wachsen, erst an anderen Standorten in Neukölln, dann in anderen Berliner Bezirken und dann auch darüber hinaus.
Welche weitere Unterstützung wünschen Sie sich?
Am dringendsten benötigen wir mehr finanzielle Unterstützung. Wir freuen uns sehr, dass wir durch die STADT UND LAND viele Räume im Viertel nutzen können. Diese Zusammenarbeit ist wirklich sehr gut. Und: wir brauchen mehr Ehrenamtliche. Auch das Netzwerk Schülerhilfe vom MORUS 14 sucht laufend qualifizierte Helfer*innen mit Deutschkenntnissen und Zeit, sich bei uns zu engagieren.
Herr Weizman, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Interview: Stephanie Otto, raumscript

© Morus 14 e.V.
Yonatan Weizman ist in Israel geboren und lebt seit zehn Jahren in Berlin. Er ist der „Liebe wegen“ nach Deutschland gekommen und hat in Neukölln seine neue Heimat gefunden. Er sagt, das Beste seiner Arbeit hier sei, dass sie ihm geholfen habe, sich in Berlin zu integrieren und ein Teil der Gesellschaft zu werden.
Shalom Rollberg
Förderverein Gemeinschaftshaus MORUS 14 e.V.
Werbellinstraße 41, 12053 Berlin, Tel. 030 / 68 08 61 10
shalom-rollberg@morus14.de
www.shalom-rollberg.de
Kurzmeldungen
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Kurzmeldungen
Das Thema der 48 Stunden Neukölln 2020 heißt „BOOM“

© Büro Otto Sauhaus
Berlin ist „Boom-Town“, ein Hotspot der Kunstwelt. Und Neukölln ist seit Jahren zentraler Ort der experimentellen, künstlerischen Forschung und unkonventionellen Präsentation. Boom hat zuallererst einen positiven Klang. Er bezeichnet einen Aufschwung und das gesteigerte Interesse an etwas, das dadurch plötzlich sehr gefragt ist. Doch wer profitiert in Berlin eigentlich von der damit verbundenen Dynamik und für wen stellt der Boom eher eine Bedrohung dar? Die Festivalleitung und das Team der 48 Stunden Neukölln freuen sich ab sofort auf anregende Gespräche und Projektideen, die sich aus dem neuen Thema BOOM ergeben. Ab dem 2. Dezember 2019 können Bewerbungen auf der Festivalwebsite eingereicht werden. Sie beraten auch gerne bei Fragen zur Umsetzung, der Raumsuche und notwendigen Genehmigungen sowie in Bezug auf die Beantragung von Fördermitteln.
Film der Schulworkshops „Ein blinder Fleck“

© Leska Ruppert, Ralph Etter
Im Rahmen der Schulworkshops entstand 2019 der neue Schüler*innen-Film „Ein blinder Fleck“. Der Film thematisiert die Baustelle in der Karl-Marx-Straße unter dem Blickwinkel älterer Menschen und Menschen mit Behinderung. Neuköllner Schüler*innen der Konrad-Agahd-Schule und der Campus-Rütli-CR2-Schule hielten spannende Momente filmisch fest und befragten die betroffenen Menschen in Interviews. Es entstand ein Film, der einfühlsame Auseinandersetzungen mit dem Alltag der Menschen in praktischer und künstlerisch-poetischer Weise zeigt. Das Filmprojekt wurde in Kooperation mit dem Fachbereich Stadtplanung und der [Aktion! Karl-Marx-Straße] durchgeführt. Der Film ist ab Dezember 2019 unter kms-sonne.mmserver.org abrufbar. Auch der Film des vergangenen Jahres „Ein tiefer Blick“ kann hier angesehen werden.
Bereiche des Sozialamts in der Donaustraße 89/90

© Bergsee, blau
Die beiden Bereiche „Grundsicherung im Alter, Hilfe zum Lebensunterhalt und Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz“ (Grundsicherung) und „Hilfen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten“ (soziale Wohnhilfe) sind im September 2019 in die Donaustraße 89/90 umgezogen.
Die beiden Bereiche des Sozialamts sind seit Jahren mit steigenden Fallzahlen konfrontiert. Das macht einerseits eine personelle Verstärkung notwendig und andererseits erhöht sich die Zahl der persönlichen Vorsprachen stetig. Deshalb hat das Bezirksamt neue Räume im ehemaligen AOK-Gebäude in der Donaustraße 89/90 angemietet.
Alles so schön bunt hier!
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Alles so schön bunt hier!
Neukölln hat unweit der Kreuzung Donau- / Ganghoferstraße, in unmittelbarer Nähe zueinander, zwei bemerkenswerte Institutionen aufzuweisen, die sich der kreativen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen widmen. Das KinderKünsteZentrum und das Young Arts Neukölln verfolgen eine ganz ähnliche Aufgabe, aber doch mit unterschiedlichem Profil. Im Gespräch mit Dr. Martin Steffens berichteten Karen Hofmann und Michaela Englert über ihre Arbeit.

Ausstellung „Vom Forschen und Finden“ 2018, 48 Stunden Neukölln © Christopher Vogl
Im Gegensatz zu zahlreichen Kinder- und Jugendeinrichtungen des Bezirks geht es bei den genannten Vorzeigeprojekten nicht (nur) um die Freizeitgestaltung junger Menschen. Hier werden für Kinder, Erzieher*innen und Lehrer*innen Angebote der kulturellen Bildung gemacht. Ziel ist es, das künstlerische Lernen professionell zu vermitteln, auch um auf diese Weise Weichen für die spätere Entwicklung der Kinder zu stellen. Beide Einrichtungen, die hinter dem Stadtbad Neukölln und im Rückgebäude der Alten Post angesiedelt sind, sind 2011 gegründet worden. Seitdem hat die kulturelle Bildung im Sanierungsgebiet deutlich an Fahrt gewonnen, zumal sie von weiteren Angeboten, wie etwa den Schulworkshops der [Aktion! Karl-Marx-Straße], flankiert werden.
Das KinderKünsteZentrum nutzt einen Kulturstandort mit langer Historie. Die ursprünglich als Bibliothek gebaute Villa war bis 2009 Sitz des Museum Neukölln. Hier werden Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren angesprochen, die zahlreiche künstlerische Angebote wahrnehmen können. Unter der Woche sind Kitagruppen zu Gast. An den Wochenenden öffnet sich der Ort für Familien, die die Ausstellung besuchen und Angebote zum Mitmachen nutzen. Die Ausstellungen werden von Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und vor allem den Kitakindern erarbeitet. Leiterin Karen Hofmann ist es wichtig, dass Kinder mit allen Sinnen agieren, viele Formen der Künste kennenlernen und so die Welt begreifen. Sie beklagt, dass der praktische Werk- und Handarbeitsunterricht an den Schulen weggefallen sei und daher die Pädagogik nur noch eingeschränkte Möglichkeiten der Wissensvermittlung habe. Denn neben der kognitiven Welterfahrung setzt gerade die Arbeit mit den Händen und die Anwendung künstlerischer Methoden direkt bei den Bedürfnissen von Kindern an. Kinder sollten selbst werkeln, gestalten und experimentieren, um so das Lernen zu erlernen. Doch auch das zweite Standbein der Arbeit im KinderKünsteZentrum ist Karen Hoffmann wichtig: über Fort- und Weiterbildungen für Erzieher*innen den Wert der kulturellen Bildung an den Kitas zu verankern. Seit 2014 wird die Arbeit dieses „Berliner Kompetenzzentrums für frühkindliche kulturelle Bildung“ vom Senat gefördert.

Workshop der Künstlerin Simone Schander © Simone Schander
Auch das Young Arts NK setzt auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und verstärkt seit Kurzem wieder die Qualifizierung von Lehrer*innen der Primar- und Sekundarschulen. Entsprechend sind die Nutzer*innen des Young Arts meistens zwischen sechs und 14 Jahren alt, auch wenn Jugendliche bis zum Verlassen der Schule willkommen sind. Kooperationspartner der hier agierenden professionellen Künstler*innen und Kunstlehrer*innen sind auch verschiedene Neuköllner Schulen, die in Projektwochen und -tagen auf vielfältige Weise den Regelunterricht Kunst verstärken. Die Werkstatträume des Young Arts bieten die Möglichkeit für freie künstlerische Prozesse und ästhetische Erfahrungen, die über den traditionellen Rahmen des Unterrichts hinausgehen. Denn es gibt keine Noten und auch kein „richtig“ oder „falsch“. In dem außerschulischen Angebot an seinen drei Standorten Donaustraße, Gropiusstadt und Körnerpark können sich Kinder und Jugendliche aber auch unabhängig vom Klassenverband in Ateliers anleiten lassen oder spezielle künstlerische Techniken ausprobieren. Wie Michaela Englert, Leiterin des Young Arts Donaustraße, berichtet, sind einige der Jugendlichen schon seit Jahren mit Feuer und Flamme dabei und realisieren inzwischen weitgehend selbständig Projekte, wobei professionelle Künstler*innen teilweise nur noch als Mentor*innen beratend tätig werden müssen. Die Standorte des Young Arts NK sind jeweils unterschiedlich ausgestattet, sodass in allen Sparten der bildenden Künste nach Kräften ausprobiert und gearbeitet werden kann.

Young Arts Projekt mit der Fritz-Karsen-Schule © Carlotta Behrendt
Das KinderKünsteZentrum und das Young Arts Neukölln nutzen gemietete Räume. Der Pachtvertrag des KinderKünsteZentrums muss 2021 mit dem Eigentümer, den Berliner Bäderbetrieben, neu verhandelt werden. Es ist zu hoffen, dass beide Institutionen noch lange ihre wichtige Arbeit in und für Neukölln an ihren Standorten fortsetzen können. Denn nicht nur den beiden Leiterinnen ist bewusst, dass die Erfahrung, die Kinder und Jugendliche in kreativen, selbstbestimmten Prozessen machen, entscheidend sein können für einen erfolgreichen Einstieg in das Bildungs- und Berufsleben. Das Angebot deckt also einen ganz entscheidenden Bedarf ab, der von Kitas und Schulen auch auf absehbare Zeit nicht ausreichend geleistet werden kann.
Dr. Martin Steffens, Kulturnetzwerk Neukölln
Boesner – Der Laden für künstlerische Vielfalt an der Karl-Marx-Straße
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Boesner – Der Laden für künstlerische Vielfalt an der Karl-Marx-Straße
Mit dem neuen Flagshipstore von boesner auf drei Etagen und ca. 1.400 qm Verkaufsfläche findet eine der größten Ansiedlungen eines Fachhändlers der letzten Jahre im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße statt. Die neue Filiale von boesner in Neukölln entsteht als Vorzeigeobjekt in einem gewachsenen Zentrum – ein Novum für das Unternehmen.

boesner an der Karl-Marx-Straße 110 © Franz Brück
Manche fangen nun vielleicht an, von einem neuen alten Glanz der Karl-Marx-Straße als Einkaufsstraße zu träumen. Auch wenn das in Zeiten des Strukturwandels im Einzelhandel und der derzeit vermehrt aufkommenden Ansiedlung von Büroflächen im Bezirkszentrum sicher nicht realistisch ist, wird die Eröffnung von boesner dem Handelsstandort sicherlich positive Impulse geben und sich vorteilhaft auf den Kunststandort Neukölln auswirken.
boesner eröffnete vor 37 Jahren seinen ersten kleinen Laden in Bochum und etablierte sich danach als Franchise-Unternehmen im deutschsprachigen Raum. Die erste Berliner Filiale öffnete vor 20 Jahren. Das Kernsortiment umfasst professionelle Künstlermaterialien, Bilderrahmen und ein großes Kunstbuchsortiment. 40 Niederlassungen gibt es inzwischen unter anderem in Köln, Düsseldorf, München, Hamburg, Paris, Zürich und Wien. Neukölln ist der vierte Standort in Berlin – neben Marienfelde, Charlottenburg und Prenzlauer Berg.

Geschäftsführer Michael Harnacke mit Dr. Martin Steffens (links) und Thorsten Schlenger (rechts) vom Kulturnetzwerk Neukölln © Franz Brück
Den Standort in der Neuköllner Karl-Marx-Straße hat boesner wohlüberlegt gewählt und eingehend geprüft. Die neue Filiale reagiert, so der Geschäftsführer Michael Harnacke, „auf die dynamische Entwicklung in Neukölln. Hier leben und arbeiten nach Kreuzberg die meisten Künstler*innen in Berlin und es existiert eine lebendige Kulturszene.“ Schon seit 2012 wurde mit verschiedenen Eigentümern über eine Ansiedlung eines Kultur- und Kreativquartiers in Neukölln verhandelt. Die Idee war die Anmietung einer größeren Fläche und die Vergabe von Flächen an Künstler*innen, Kreative u. a. für kleinteilige Angebote im Rahmen einer Mischkalkulation. Dieses Konzept ließ sich heute mit den gestiegenen Mieten leider nicht mehr verwirklichen.
In Neukölln wird eine Innovation innerhalb des bestehenden Firmenkonzepts erprobt: Sind die bisherigen Filialen von boesner sonst in Gewerbegebieten oder auf Hinterhöfen angesiedelt, wird mit der Nachnutzung des alten H&M-Hauses in der Karl-Marx-Straße 110 auf ein kleinteiligeres Konzept gesetzt. Es zielt auf die Menschen und das Umfeld vor Ort sowie kürzere Wege in einem gewachsenen Einkaufsstandort – ein integriertes Modell, das das Zentrum stärkt und vor allem Kund*innen anspricht, die öffentliche Verkehrsmittel nutzen.
Das Warenangebot richtet sich an all jene, die sich für Kunst (Buchhandel), die Präsentation von Kunst (Bilderrahmen) und die Produktion von Kunst (Künstlerbedarf) interessieren. Dabei reicht das Angebot an Materialien von Dingen des täglichen Kunstbedarfs bis hin zu hochspezialisierten Produkten für Kenner und Könner. Es werden aber auch Schreibwaren für den „Otto-Normal-Verbraucher“ angeboten.

Presserundgang zur Eröffnung der neuen boesner-Filiale © Franz Brück
Das „neue“ boesner will aber nicht nur ein Laden sein. Geplant ist ein Kursangebot vor Ort, in dem sich Interessierte zu künstlerischen Techniken informieren können. Auch ist eine Nutzung des Workshop-Raums für Angebote lokaler Akteure geplant. Michael Harnacke versteht sich als Förderer der Strukturen, die die Kunst am Standort Neukölln unterstützen und sichtbar machen. So wird boesner das Festival „48 Stunden Neukölln“ ab 2020 als Kooperationspartner begleiten. Schon am Eröffnungswochenende gab es künstlerische Aktionen.
Mit der Ansiedlung von boesner verbinden sich vielfältige Erwartungen im Hinblick auf die Zentrenentwicklung und die Attraktivität des Standortes über die Karl-Marx-Straße hinaus. Zudem strebt der Eigentümer an, sein Geschäft nicht als UFO im Handelszentrum Neuköllns zu landen, sondern mit den lokalen Akteuren in einen Austausch zu treten. Dabei könnte es zu interessanten Synergien zwischen Handel und diskursiver Kunstszene kommen: „boesner möchte Teil der gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein. Wir möchten die besten und jeweils neuesten Werkzeuge und Hilfsmittel anbieten, damit Künstlerinnen und Künstler sich so gut wie möglich mit gesellschaftlichen und ästhetischen Fragen auseinandersetzen können“, so Michael Harnacke.
Susann Liepe, Citymanagement, Dr. Martin Steffens, Kulturnetzwerk Neukölln
Vielfalt als Markenzeichen – Markttreiben auf dem Karl-Marx-Platz
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Vielfalt als Markenzeichen – Markttreiben auf dem Karl-Marx-Platz
Jeden Mittwoch und Samstag werden auf dem Karl-Marx-Platz enge Gassen aus Marktständen aufgebaut und ein lebendiges Treiben beginnt. Unweit der historischen Mitte Rixdorfs finden die Kund*innen hier neben Bulgur und Börek, Bio-Äfel aus der Region, Rosen, Rosmarin oder Öko-Kaffee.

© Susanne Tessa Müller
Der Markt als Treffpunkt für die Nachbarschaft – das ist neben dem Angebot an guten Lebensmitteln und dem besonderen Einkaufserlebnis das Ziel der marktplaner, Marktbetreiber auf dem Karl-Max-Platz. Entscheidend für einen guten Markt ist demnach, dass die Qualität des Angebots auf eine gute Atmosphäre trifft. Auch die Nachbarschaft muss sich in dem Angebot wiederfinden. Die marktplaner entwickeln in ganz Berlin, aber vor allem in Neukölln Wochen-, Kreativ- und Flohmärkte. Neben dem Anspruch, Berlin mit frischen und regionalen Produkten zu versorgen, bieten sie Live-Bühnen, Marktaktionen, Sitzgelegenheiten und vielfältiges Streetfood an, um den Kund*innen einen erlebnisreichen Einkauf zu bieten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei in der nachhaltigen Standortentwicklung. Angebote werden für und mit den Akteuren am Standort entwickelt, die marktplaner wollen mit ihrer Arbeit aber auch die Gemeinschaft und Unterstützung der Händler*innen untereinander stärken.
Herr Fink, der Karl-Marx-Platz wird voraussichtlich ab 2020 umgebaut werden. Was bedeutet dies für den Markt auf dem Platz?
Den geplanten Umbau finden wir äußerst gelungen: erstens wird das gefährliche Stolperpflaster ersetzt, die verfallene Betonbank samt dahinter liegender Schmuddel- und Sperrmüllecke fällt zum Glück auch weg. Und mit der Entwicklung des gesamten Platzgefüges bis hin zur Sperrung für Kfz in den Richardkiez hinein sowie der Vorstreckung der Gehwege wird ein attraktiver neuer Stadtplatz entstehen. Wir freuen uns schon auf die Kaffee- und Streetfoodstände im Schatten der Bäume an der zukünftigen ruhigen Spitze.
Nikolaus Fink ist Chef des Unternehmens „diemarktplaner“
Elzbieta Cichowlas – Polnische Spezialitäten aus der Region

© Susanne Tessa Müller
Wer auf der Suche nach Gartentomaten, essbaren Sonnenblumen oder Roter Bete ist – sogar mit Blättern –, wird auf dem Wochenmarkt bei Elzbieta Cichowlas fündig. Schon das zweite Jahr in Folge stehen Kund*innen sehr früh und bei jedem Wetter mittwochs und samstags vor ihrem Stand Schlange. Frau Cichowlas bringt jede Woche frische Obst- und Gemüseerzeugnisse aus der Region um Breslau. Sie kauft bei verschiedenen Kleinproduzenten selbst ein und bietet ihre Produkte mit der Unterstützung ihrer drei Kinder auf dem Wochenmarkt Rixdorf an. Der Stand voll frischer bunter Waren lädt ein, in der Küche kreativ zu werden. Menschen aus vielen Ländern finden hier die Zutaten für ihre Heimatküche. Auch Frau Cichowlas schätzt den Markt: „Das Besondere hier ist die familiäre Atmosphäre, die Händler*innen unterstützen sich untereinander und es gibt viele Stammkund*innen, die wöchentlich bei mir einkaufen.“
Yaser Baykal – Türkische Backwaren und Spezialitäten

© Susanne Tessa Müller
Ein Sac ist das erste, was auf dem Stand von Yaser Baykal auffällt. Zwei Frauen bereiten den Teig zu, schnippeln Spinat und schneiden Schafskäse, um anschließend die Peynirli Gözleme auf der leicht konvex gewölbten, runden Metallplatte vor Ort zu backen: frischer geht es nicht.
Herr Baykal und seine Frau bieten neben frischem Gözleme außerdem Börek, Sesam- und Butterringe sowie Fladenbrot an. Herr Baykal ist auf mehreren Märkten in Neukölln mit seinen Backwaren vertreten, u. a. auf dem Markt auf dem Hermannplatz. Auf dem Karl-Marx-Platz gehe es aber ruhiger zu, hier kommen neben Tourist*innen viele Anwohner*innen aus dem Kiez zum Stand.
Stephanie Otto und Tania Salas, raumscript, Nikolaus Fink, diemarktplaner
Der öffentliche Raum braucht Regeln und Verantwortung
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Der öffentliche Raum braucht Regeln und Verantwortung
Die Karl-Marx-Straße bietet den verschiedenen Ansprüchen der vielen Anwohner*innen und Besucher*innen nur wenig Platz. Das Zusammenleben im öffentlichen Raum erfordert vor allem gegenseitige Rücksichtnahme, um Vielfalt und eine hohe Aufenthaltsqualität gewährleisten zu können. Über die Ordnung in der Vielfalt sprachen wir mit Herrn Korbjuhn, kommissarischer Leiter, und Herrn Dacosta, Leiter des Außendienstes des Ordnungsamtes Neukölln.
Welche Aufgaben hat das Ordnungsamt?
Der Auftrag an das Ordnungsamt ist, die Ordnung im öffentlichen Raum zu regeln. Dazu gibt es Rechtsvorschriften, die das Zusammenleben der Menschen betreffen und die einzuhalten sind, z. B. die Verkehrsüberwachung des ruhenden Verkehrs, die Nutzung des öffentlichen Raums wie die Sondernutzung für die Präsentation von Waren oder das Aufstellen von Tischen. Auch der Amtstierarzt gehört zum Ordnungsamt. Ansässig ist hier auch die Anlauf- und Beratungsstelle für Fragen, Mitteilungen bzw. Beschwerden über Missstände im öffentlichen Raum. Das Ordnungsamt ist auch eine Servicebehörde, einerseits berät sie zu den genannten Aspekten, anderseits greift sie bei Fehlverhalten sanktionierend ein. Ziel ist es immer, Verhaltensänderungen bei den Menschen herbeizuführen.
Auf welche Konflikte treffen Sie im öffentlichen Raum im Zentrum Karl-Marx-Straße?
Die Enge der Karl-Marx-Straße ist eine Herausforderung für die Nutzung des öffentlichen Raums. Das „Flanieren“, die „Lust am Draußen“ benötigt Flächen. Hier wird eingekauft, gegessen, werden Waren ausgestellt, die Straße ist Transitraum für unterschiedlichste Formen der Mobilität. Dafür ist die Karl-Marx-Straße aber überwiegend viel zu schmal – auch noch nach dem Umbau. Eigentlich gibt es im öffentlichen Raum des Zentrums nicht ausreichend Platz, die wachsende Zahl der Menschen überhaupt noch aufzunehmen. Zudem wird die Karl-Marx-Straße mit weiteren Problemen überlagert. So treffen wir häufig auf Obdachlosigkeit oder Angehörige problembelasteter Gruppen, wie z. B. aus dem Drogenmilieu. An der Straße sammeln sich menschliche Schicksale, gleichzeitig besteht der Wunsch der Öffentlichkeit, diese Phänomene zurückzudrängen. In dieser Beziehung ist die Arbeit des Ordnungsamtes sehr undankbar.
Anzahl und Art der Meldungen von Störungen an der Karl-Marx-Straße durch die Bevölkerung, Januar–September 2019
Wie schätzen Sie die verkehrliche Situation auf der Karl-Marx-Straße ein?
Für den Radverkehr hat man mit dem Umbau eine relativ gute Lösung gefunden. Das Ordnungsamt ist jeden Tag in der Karl-Marx-Straße unterwegs und räumt z. B. die Fahrradstreifen von falschparkenden Autos frei. Mittlerweile hat sich hier die Situation leicht verbessert. Die Lieferzonen werden leider häufig durch Unberechtigte zugeparkt. Da kann man noch so viel überwachen und abschleppen. Der Lieferverkehr, besonders der individuelle durch Amazon und Co, nimmt gleichzeitig stark zu und verursacht neue bzw. verstärkt die bestehenden Probleme.
Allen Verkehrsteilnehmer*innen zu ihrem Recht verhelfen zu wollen, ist in der Karl-Marx-Straße leider der Versuch einer Quadratur des Kreises. Jeder wird zum Lobbyisten für seine bevorzugte Verkehrsart. In dieser Situation ist das Ordnungsamt permanent gefordert, das Funktionieren der Stadt zu gewährleisten. Und gleichzeitig wird dem Ordnungsamt oft die Schuld gegeben, wenn das nicht klappt.
Würden Sie besondere Strategien empfehlen?
Die Mitarbeiter*innen des Ordnungsamtes sind bei allen Maßnahmen und Visionen Realisten, die sich allen entstehenden Situationen stellen müssen. In Bezug auf vorbeugende Maßnahmen bleibt leider wenig Gestaltungsspielraum. Leider scheint bei Fehlverhalten lediglich die Festsetzung von Verwarnungs- bzw. Bußgeldern eine Verhaltensänderung zu bewirken. Doch nicht selten werden diese von den Verursacher*innen „bereitwillig“ in Kauf genommen, ihre Höhe scheint nicht abzuschrecken. Manchmal kann es gelingen, jemanden im Gespräch zur Einsicht zu bringen.

Zugeparkter Fahrradstreifen auf der Karl-Marx-Straße © Susanne Tessa Müller
Braucht es mehr Regeln?
Eigentlich sind wir in Deutschland gut durchgeregelt. Es hapert an der Durchsetzung. Hierfür müssten alle beteiligten Instanzen (von der Anzeigenaufnahme bis zu einer möglichen Gerichtsentscheidung) konsequenter zusammenwirken. Die Verfahren müssen stimmig sein, sonst stumpfen die vorhandenen Mittel ab.
Stichwort „Eigenverantwortung“: Was wünschen Sie sich von den Menschen in Neukölln?
Das Ordnungsamt Neukölln bearbeitet rund 25.000 Bürger*innenanfragen im Jahr. Circa die Hälfte betreffen illegale Müllablagerungen. Wir würden uns gerne um viele andere Dinge kümmern, werden aber regelrecht von Meldungen über Störungen im öffentlichen Raum überschwemmt, denen wir nachgehen müssen. Die Menschen nehmen den Raum für sich in Anspruch, für dessen Pflege fühlen sie sich dabei aber meist nicht zuständig. Die Frage ist, bis zu welchem Grad es zumutbar ist, im Sinne der Gemeinschaft selbst tätig zu werden. Unsere Erfahrung zeigt, je unpersönlicher die Nachbarschaft und je höher die Fluktuation bei Bewohner*innen und Gewerbetreibenden, desto weniger fühlen sie sich zuständig, selbst tätig zu werden.
Das Ordnungsamt unterstützt gerne bürgerschaftliches Engagement zur Pflege des öffentlichen Raums. Die Akquise, sich an Prozessen zu beteiligen, ist aber nicht unsere Aufgabe. Hier setzen wir auf die Partner*innen und Akteure z. B. in den Quartiersmanagements oder auf Initiativen wie „Schön wie wir“. Für alles Weitere ist das Ordnungsamt nicht auskömmlich ausgestattet.
Herr Korbjuhn, Herr Dacosta, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Interview: Stephanie Otto, raumscript
Die Vielfalt der Angebote
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Die Vielfalt der Angebote
Die City rund um die Karl-Marx-Straße wird seit 2008 im Netzwerk [Aktion! Karl-Marx-Straße] als ein sogenanntes Berliner Hauptzentrum mit überbezirklichem Versorgungsanspruch entwickelt. „Funktionsschwächen“ werden hier beseitigt und es wird eine Neuausrichtung des Zentrums nach dem Leitbild „Handeln, Begegnen, Erleben“ verfolgt. Wird es gelingen?

© Bergsee, blau
Ein ansprechend umgestalteter öffentlicher Raum ist für die künftige Karl-Marx-Straße ebenso wichtig wie ein bedarfsgerechtes und umfassendes Spektrum der Angebote. Daher genehmigt der Fachbereich Stadtplanung Neuvermietungen und Umstrukturierungen von Immobilien nur dann, wenn sie dem Leitbild für das Zentrum entsprechen. Wird die Neuausrichtung des Zentrums im Interesse der künftig zu erwartenden Kund*innen und Besucher*innen gelingen?
Einen Teil der Antwort bringt die Rückschau auf die bisherigen großen und damit besonders prägenden Projektentwicklungen. So wurde das Hertie-Kaufhaus in ein Geschäftshaus mit dem Schwerpunkt Mode umgewandelt, der Heimathafen Neukölln als mittlerweile berlinweit erfolgreicher Kulturveranstalter übernahm den wenig präsenten Saalbau Neukölln und das Karstadt-Schnäppchencenter zog in das alte Sinn-Leffers-Kaufhaus. Auf dem ehemaligen Kindl-Gelände eröffneten mit dem schwul-lesbischen Zentrum „SchwuZ“, dem Eventveranstalter „Golden Box“ und dem Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst gleich drei große Berliner Kulturanbieter. Bedeutende Neuansiedlungen in den Neukölln Arcaden waren das bezirkliche AOK-Kundencenter und der berlinweit beliebte „Kulturdachgarten Klunkerkranich“. Büroflächen am Alfred-Scholz-Platz wurden in das Hostel RixHouse umgenutzt und im Frühjahr kam auch die Umwandlung des großflächigen CLAVIS-Elektrofachmarktes in eine Eventgastronomie dazu. Die Berliner Sparkasse ist an der Straße umgezogen und hat am alten Standort Platz für den Second-Hand-Modehändler Humana gemacht. All diese vornehmlich kulturellen Angebote haben sowohl Image als auch Angebotsspektrum und Einzugsgebiet der Karl-Marx-Straße deutlich erweitert.
Angebote der Karl-Marx-Straße mit ihren Einzugsbereichen
Der Schwerpunkt der derzeit im Bau, bereits im Genehmigungsverfahren oder noch in der Planung befindlichen Immobilien liegt woanders. Prägend sind insbesondere großflächige Konzepte für nicht oder nur wenig kundenorientierte Büroarbeitsplätze, Neubaukonzepte für das sogenannte möblierte „Mikrowohnen“ auf kleinster Fläche und Umnutzungsbegehren von Wohn- und Gewerbeflächen in Ferienwohnungen und vergleichbare Beherbergungsarten. Der konzeptionelle Schwerpunkt liegt derzeit – mit Ausnahme des Bereichs Gastronomie – bei den Themen „Unterkunft“ und „Arbeiten“ und nicht mehr bei den für die Funktionsfähigkeit des Zentrums wichtigen Angeboten. Hier sprechen die vor Ort tätigen Entwickler häufig von Marktsättigung, fehlender Wirtschaftlichkeit oder beim Einzelhandel auch von mangelnder Perspektive, was auch der häufig anderenorts zu beobachtenden Entwicklung entspricht. Ehemals zentrentragende Angebote verändern sich grundlegend und gehen teilweise verloren.
So wird die Alte Post derzeit überwiegend zu einem Standort für Co-Working und sonstige Büroflächen umgebaut und für den hinteren Teil des Grundstücks wurde u. a. die Errichtung von möblierten Kleinstwohnungen überwiegend für Studierende genehmigt. Für das im Sommer geschlossene Schnäppchencenter, das sich durchaus weiter im Zentrum Karl-Marx-Straße gesehen hätte, mit dem dahinterliegenden Parkhaus wurde ein Bauantrag eingereicht, der hier künftig überwiegend Co-Working-Spaces und andere Büroflächen vorsieht – ergänzt in vergleichsweise geringem Flächenumfang mit einem Lebensmittelmarkt und gastronomischen Angeboten.
Nutzungsvielfalt an der Karl-Marx-Straße
Unweit des Heimathafen Neukölln wollen das Deutsche und Berliner Chorzentrum ihre neuen Verwaltungssitze bauen und durch eine musikalisch orientierte Kita ergänzen. Die Angebotsvielfalt erhöhend und klar zentrenstärkend ist insbesondere der im November neu eröffnete vierte Berliner Kaufhausstandort des Künstlermaterialienanbieters boesner auf drei Etagen im ehemaligen H&M-Kaufhaus.
Es zeigt sich, dass über die für Grundstückseigentümer wirtschaftlich attraktiven Projektentwicklungen in letzter Zeit vermehrt nicht mehr immer der gewünschte Beitrag zur Stärkung des Zentrums erreicht werden kann und die Umsetzung des Leitbildes für das Gebiet schwieriger wird. Es entsteht gleichzeitig eine neue Qualität von Arbeitsstandort mit einem neuen Typus von Büroarbeiter*innen im städtebaulichen Herzen des Bezirks. Hier lässt sich durchaus fragen, mit welchen Erwartungen an die künftige Bezirksentwicklung dies geschieht und welche gesellschaftlichen Veränderungen sich bei der Fortsetzung des Trends künftig ergeben können.
Dirk Faulenbach, Fachbereich Stadtplanung
Einmal queer durch das Zentrum Karl-Marx-Straße
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Einmal queer durch das Zentrum Karl-Marx-Straße
Eine fiktive Reise: Startpunkt in Sachen LGBTQI* ist die Karl-Marx-Straße, Höhe Anzengruberstraße. Links vor der alten Post eröffnet ein Ausstattungsladen vom „Fummel“ bis zum Lederdress. Daneben findet sich ein exklusiver Sexshop. In den „Arcaden“ locken eine queere Partnervermittlung und eine Regenbogen-Smoothie-Bar mit veganem Catering. Neben dem Rathaus wirbt ein Lesecafé mit schwul-lesbischer Literatur.
* LGBTQI: lesbisch, schwul (gay), bisexuell, transgender, queer als Oberbegriff und intersexuell. Der Begriff selbst ist im Wandel und wird vielfältiger. Es hat immer etwas mit Genderidentität oder -Orientierung zu tun. Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

„Tuntenspaziergang“
Demonstration gegen Homophobie, Diskriminierung und Gewalt, 2018 © Christian Kölling
So könnte es sein, wenn man die Vorstellung des neuen hippen, aber auch gentrifizierten Neukölln hochrechnet. Doch das bleibt Phantasie. Um reale queere Orte in Neukölln zu finden, muss man sich weiter als einen Steinwurf von der Karl-Marx-Straße entfernen. Als erstes geht es deshalb links in den Rollbergkiez zum SchwuZ. Das SchwulenZentrum existiert seit 1977 und zog vor sechs Jahren unter vielen Bedenken nach Neukölln um. Seitdem ist es Partybunker und zentrale Location für alle Queens and Queers. Auch dank der intensiven Kommunikation mit dem Umfeld hat es sich hier fest etabliert.Über die Hermannstraße hinweg gelangt man zum RuT e.V. in der Schillerpromenade 1, das hier seit 30 Jahren verortet ist. „Rad und Tat“ ist eine Initiative und ein Treffpunkt lesbischer Frauen, der für alle Frauen offen ist. Hier werden Veranstaltungen und Beratungen angeboten. Seit Jahren wird an einem generationsübergreifenden Wohnprojekt gearbeitet.
„ABqueer e.V.“ in der Okerstraße 44 will queere Lebensweisen sichtbar machen und bietet Beratung und Fortbildungen für Jugendliche und Lehrer*innen an. „Schwul“ ist immer noch eine der häufigsten Beschimpfungen auf den Berliner Schulhöfen. „ABqueer“ stellt u. a. „di*erTiere“ von trans*fabel aus. Dieses Kunstprojekt samt Buchvertrieb „jenseits des 2-Geschlechtersystems“ ist auf transfabel.de zu finden.
Queer hat Tradition in Neukölln. Der Rückweg aus Richtung Schillerpromenade gleicht einer Abschiedstour. In der Selchower Straße fand man bis 2012 das „Café Xenzi“: Ein kiezig kultiger, queerer Ort für alle mit Wohnzimmeratmosphäre. Auch die „Trommel“ in der Thomasstraße schloss Anfang des Jahrzehnts nach über 37 Jahren und galt als Berlins älteste Schwulen-Bar. Das „SUZIE FU“ in der Flughafenstraße, ein Ort für „Queer World Citizens“, wurde lange von einer Frau geführt. Es ist seit Ende 2014 closed. Zuletzt stellte das „Ludwig“, eine Café-Bar mit Holzambiente in der Anzengruber Straße, im September 2019 den Betrieb ein. Die „Souls of Ludwig“ kann man sich auf der Webseite noch ansehen.

Das „Silverfuture“ in der Weserstraße © Silverfuture
Der Rundgang endet in der Gegenwart, über den Hermannplatz hinweg, in der Weserstraße. Inmitten angesagter Locations zeigt das „Theater im Keller“ hier Travestieshows, unweit der arabisch geprägten Sonnenallee. Im „Silverfuture“ verkehrt seit Jahren vorwiegend jüngeres queeres Publikum. Die Café-Bar im entspannten wie exzentrischen tiefdunkelrosa Look zeigt auch Live-Programm. Hier performen u. a. die „Venus Boys“, die Maskulinitäten reflektieren. Die Künstler*innen der Gruppe „Queer Syria“ wollen als solche gesehen und nicht auf ihre Herkunft aus Syrien und Iran reduziert werden, wie sie in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel äußerten. Sie treten dort mit Gesang, Bauchtanz und Performance auf.
Auch einzelne Persönlichkeiten machen die queere Seele von Neukölln aus. So zeigt sich Ades Zabel als DJ Adessa Zabel oder das „unbeugsam bunte“ Neuköllner Original Edith Schröder. Die Verwandlungskünstlerin Bridge Markland performt ortspezifisch oder reist in ihrer Classic-Box durch die Weltgeschichte. Menschen in Projekten, Locations, in Jobs und Werkstätten prägen individuell queere Atmosphäre und Inhalte durch ihre Präsenz und ihre Arbeit.
Das Festival „48 Stunden Neukölln“ ist für alle da und unterstützt gerne queere Projekte, wenn sie sich beteiligen wollen. Das geschah 2014 mit der Neurosa Route, die queere Orte und Veranstaltungen als solche gelabelt hat. 2017 wurde als Teil des Festivals die Reihe „48 Tunten Neukölln“ vom SchwuZ organisiert. Ein Mann in Stöckelschuhen oder eben im „Fummel“ zieht eindeutige Reaktionen auf sich: Aufmerksamkeit, Lust oder Belustigung, Ablehnung, bis hin zur Aggression. Und es ist immer noch dieses Bild, das vielen Menschen zuerst einfällt, wenn sie an „queer“ denken. Mit zunehmender Gewalt gegen LGBTQI-Menschen wurde der Ruf nach einer Queerbeauftragten laut. Von wirtschaftlichen Fragen wie Kaufkraft und sozialer Situation sind allerdings alle Selbstständigen betroffen. Wie kann sich die Langzeitarbeitslose Edith Schröder einen Barbesuch leisten? Das Thema „Überleben in Neukölln“ wurde auch 2017 von Rosa von Praunheim in seinem Dokumentarfilm thematisiert.
Warum eröffnen queere Locations hier nicht im gleichen Takt wie einst in Schöneberg, und warum schließen andere wieder? Gibt es weniger Bedürfnis nach expliziter Sichtbarkeit?
Zurück im eigenen Atelier. Im Gewerbehof in der Lahnstraße weht eine Regenbogenfahne, die man von der Straße aus nicht sieht.
Simone Schmidt, Zebrazone
Artenvielfalt – Menschen, Vögel und Bienen im gleichen Zuhause
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Artenvielfalt – Menschen, Vögel und Bienen im gleichen Zuhause
Stadt und Natur werden häufig als Gegensatz verstanden. Was viele dabei nicht wissen: Städte weisen oftmals eine höhere Artenvielfalt auf als ländliche Gebiete. Durch ihre diversen Lebensräume schaffen sie ökologische Nischen und beherbergen eine Vielzahl von Flora und Fauna. Berlin gilt sogar als eine der artenreichsten Großstädte in Europa. Im Bereich Artenschutz sind es Vögel und Fledermäuse, die besonders beachtet werden müssen. Bienen übernehmen z. B. die Bestäubungsleistung der vielen Straßenbäume – auch im Zentrum Karl-Marx-Straße.

Turmfalke über den Dächern Neuköllns © Bezirksamt Neukölln
Wer denkt, Vögel nisten nur in Bäumen, hat weit gefehlt. Ganz im Gegenteil: Besonders unsanierte Gebäude bieten unter anderem Sperling, Rotschwanz oder Mauersegler ein Zuhause. Was in der freien Natur die Felsspalten sind, sind in der Stadt die Löcher und Spalten z. B. an unsanierten Gebäuden. Im Unterschied zu den meisten baumbrütenden Arten, wie z. B. Amseln, suchen die gebäudebrütenden Vögel ihren einmal gefundenen Nistplatz jedes Jahr wieder auf. Dies gilt übrigens auch für die Fledermäuse.
Damit stellen z. B. energetische Gebäudesanierungen im Gebiet für den Artenschutz dieser fliegenden Mitbewohner eine Herausforderung dar. Um ihnen dennoch ausreichend Schutz zu bieten, gibt es entsprechende Verordnungen. So darf während einer laufenden Brut nicht saniert werden. Wurde ein Vogel am Gebäude gesichtet, stellen Vogelexpert*innen, so genannte Ornithologen, vor der Sanierung in einem Gutachten fest, ob und welche Arten am Gebäude nisten. Sollte in einem Gebäude auch die Lebensstätte eines geschützten Vogels sein, muss hier im Zuge einer Sanierung eine künstliche Ersatzniststätte angebracht werden. Übrigens: Besonders der in Berlin sehr verbreitete „Spatz“ mag es gerne unordentlich und ist vielleicht auch deshalb ein „echter Neuköllner“.

Der Spatz ist ein Gebäudebrüter © Betexion, Pixabay
Doch nicht nur kleine Vögel sind im Gebiet zu sichten, auch Fledermäuse halten sich gerne in der Gegend auf, wie z. B. beim Klunkerkranich, auf dem Dach der Neukölln Arcaden. Und wer am Tempelhofer Feld schon mal einen Turmfalken auf der Jagd beobachtet hat, gut zu erkennen am Rüttelflug dieses Raubvogels und dabei fast in der Luft stehend, und sich gefragt hat, wo dieser herkommt: Sie finden seit vielen Jahren in mehreren Nistkästen im Turm des Rathauses Neukölln einen Unterschlupf. Seit die Kästen in den 1980er und 1990er Jahren fest installiert wurden, schlüpfen dort, wie auch an der Kirche St. Clara in der Briesestraße, im Frühjahr regelmäßig Turmfalkenküken.
In der wachsenden Stadt wird auch der Artenschutz schwieriger. Um im dichten Zentrum Karl-Marx-Straße neue Nischen zu schaffen, sind Bepflanzungen der Balkone mit Blütenpflanzen, die Entsiegelung und insektenfreundliche Bepflanzung von Hofflächen, Dach- und Fassadenbegrünungen oder auch die Winterfütterung der Vögel sinnvoll. Weitere Anregungen gibt hierzu auch die „Berliner Strategie zur Biologischen Vielfalt“.

Imker Caspar Schöning an seinen Bienenstöcken im Café Botanico © Bergsee, blau
Eng verwoben, gilt gleiches auch für den Erhalt und die Förderung der Bienen. Während die Wildbienen eher Einzelgänger sind, schließen sich die Honigbienen zu großen Völkern zusammen und werden als Nutztiere von Imkern gehalten, die dann den Honig ernten. Berlin ist reich an Bienenvölkern und Imkern. Im bundesdeutschen Vergleich findet sich hier die höchste Dichte der Bienenzucht. Einer von ihnen ist Caspar Schöning, der seine Bienenstöcke vor allem in Neukölln, unter anderem im Garten des Café Botanico in der Richardstraße und auf dem Schulhof der Evangelischen Schule Neukölln in der Mainzer Straße – hier ist er auch Lehrer – aufgebaut hat.
Imkern braucht Leidenschaft und gute Kenntnis, um die Bienenvölker gesund zu halten. Caspar Schöning hat das Imkern im Länderinstitut für Bienenkunde gelernt. Circa 100 Gläser Honig produziert jedes seiner Bienenvölker pro Jahr in einer guten Saison. Die Honigbienen fliegen jene Blumen und Bäume an, deren Blüten viel süßen Nektar bereitstellen. Das sind im Norden Neuköllns vor allem die vielen Straßenbäume – Ahorn, Rosskastanie, Robinie, und im Spätsommer die Linden. Die Artenvielfalt der Pflanzen freut wie die Vögel auch alle Bienen und weiteren Insekten. Wie man an der Karl-Marx-Straße grüne Flächen schaffen kann, zeigt eindrucksvoll das Projekt „Rixroof“ auf dem Dach der RIXBOX auf dem Alfred-Scholz-Platz, das durch den Aktionärsfonds der [Aktion! Karl-Marx-Straße] gefördert wird. Der systematische Anbau von Kräutern und weiteren essbaren Pflanzen unterstützt dabei, das Zentrum Karl-Marx-Straße insekten- und bienenfreundlicher zu gestalten.
Leonie Laug, Stephanie Otto, raumscript, mit Dank an unsere Gesprächspartner Stephan Wiedemann und Caspar Schöning
Vielfalt
Im Broadway Nº 11 – 2019/2020 nehmen wir das Thema „Vielfalt“ beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, tierische Artenvielfalt, queeres Leben, Vielfalt der Kulturen und Religionen und weitere vielfältige Aspekte des Lebens und Arbeitens im Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße.
Vielfalt
Vielfalt – für die Beschreibung der Großstadt ist kaum ein Ausdruck charakteristischer. In der Stadt erleben wir das Unerwartete, reiben uns an Ungewohntem und erfahren die Unterschiede der Lebensstile, Werte und Kulturen. Manche Menschen suchen die Vielfalt, manche halten sie nicht aus. Sie ist aber ganz einfach ein Fakt – gerade in Neukölln.
Liebe Leserinnen und Leser,
in dieser Ausgabe des BROADWAY nehmen wir das Thema Vielfalt wirklich beim Wort: Von den ganz unterschiedlichen Voraussetzungen für ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt, über die Vielfalt der Flächennutzung im Handel, bis hin zur tierischen Artenvielfalt und dem damit wirklich wilden Leben im Zentrum Karl-Marx-Straße, dem auch ein Artikel gewidmet ist.

Buntes Nachtleben: Club „Sameheads“ in der Richardstraße © Susanne Tessa Müller
Das Zusammenleben in der Stadt benötigt vor allem ein gutes Stück Toleranz und Achtsamkeit – aber auch klare Regeln, die durchzusetzen sind. Gerade der öffentliche Raum büßt durch rücksichtsloses Verhalten einiger für alle an Attraktivität ein. Im Interview mit dem Leiter und einem Mitarbeiter des Neuköllner Ordnungsamts wird deshalb der Frage nachgegangen, wie das gute Miteinander im öffentlichen Raum aussieht und was jede*r Einzelne dazu beitragen kann.
Neukölln eilt der Ruf des bunten und vielfältigen Bezirks voraus und so hat auch queeres Leben in Neukölln Tradition. Dennoch gleicht ein Spaziergang zu ehemaligen Treffpunkten der Szene in Teilen einer Abschiedstour. Viele Orte haben in den letzten Jahren geschlossen. Natürlich gibt es das SchwuZ, queere Akzente setzen daneben aber auch – vergleichsweise leise – einzelne Personen und Geschichten.
Dabei ist Zusammenleben in Vielfalt eben keine Selbstverständlichkeit, sondern braucht Menschen, die sich dafür einsetzen. Ein Projekt für gelebte Vielfalt im Gebiet ist vor kurzem mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis ausgezeichnet worden: „Shalom Rollberg“ bringt im Rollbergviertel seit 2012 Religionen und Kulturen zusammen und setzt sich damit erfolgreich gegen Antisemitismus ein.
Wirtschaftlich lebt das Zentrum Karl-Marx-Straße von den vielfältigen Angeboten vor Ort. Eine bunte und ausgewogene Mischung zu schaffen, in der sich die Menschen Neuköllns wiederfinden und die die Besucher*innen nach Neukölln einlädt, ist ein wichtiges Sanierungsziel für das Gebiet. Dies zu erreichen, ist eine große Herausforderung für die Steuerung der Entwicklungen hier, wie ein Überblick zu aktuellen Projektentwicklungen an der Karl-Marx-Straße zeigt.
Das Bezirkszentrum Karl-Marx-Straße ist natürlich ein Gewerbestandort, aber für viele Menschen ist es primär ihre Heimat. Vielfalt prägt die Nachbarschaften und viele sind genau deswegen überzeugte Neuköllner*innen. Für die weitere Entwicklung des Zentrums muss das Kunststück gelingen, lieb gewonnene Eigenschaften zu bewahren, das Wohnen bezahlbar zu halten und gleichzeitig Ungewohntes oder Fremdes willkommen zu heißen – wie es schon in der Vergangenheit gelungen ist. Denn Fremdes bleibt nicht notwendig fremd.
Viel Freude beim Lesen!
Ihr Jochen Biedermann, Stadtrat für Stadtentwicklung, Soziales und Bürgerdienste
Ansprechpartner
Bezirksamt Neukölln
Stadtentwicklungsamt
Fachbereich Stadtplanung
Karl-Marx-Straße 83, 12040 Berlin
Tel.: 030 – 90 239 2153
stadtplanung(at)bezirksamt-neukoelln.de
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen IV C 32
Anke Heutling
Württembergische Straße 6-7, 10707 Berlin
Tel.: 030 – 90 173 4914
anke.heutling(at)senstadt.berlin.de
BSG Brandenburgische
Stadterneuerungsgesellschaft mbH
Sanierungsbeauftragte des Landes Berlin
Karl-Marx-Straße 117 , 12043 Berlin
Tel.: 030 – 685 987 71
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Lenkungsgruppe
der [Aktion! Karl-Marx-Straße]
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Citymanagement
der [Aktion! Karl-Marx-Straße]
Richardstraße 5, 12043 Berlin
Tel.: 030 – 22 197 293
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