Gemeinschaft macht Schule
Dies ist ein Artikel ist aus dem KARLSON #11 – 2024, der Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee.
Stand November 2024
Gemeinschaft macht Schule
Die Reformschulbewegung am Standort Rütlistraße im 20. Jahrhundert
Mit seinen zahlreichen Angeboten und Einrichtungen stellt der Campus Rütli – CR² im Reuterkiez für viele Schulkinder und Menschen aus der Nachbarschaft einen wichtigen Bezugspunkt dar. Herzstück des Campus ist die Gemeinschaftsschule, die auf eine 125-jährige Geschichte zurückblicken kann. Schon damals spielte der Aspekt des gemeinschaftlichen Lernens eine wichtige Rolle im Unterrichtsalltag. Reformpädagogische Ansätze eröffneten dabei ein völlig neues Verständnis von Bildung und Erziehung.
Schulstandort in der Rütlistraße um 1910 (Foto: © Museum Neukölln)
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs die Bevölkerung in Rixdorf wie im benachbarten Berlin stark an, vor allem durch den Zuzug kinderreicher Arbeiterfamilien und Gewerbetreibender. Die steigende Einwohnerzahl zog unter anderem den Bau neuer Schulen nach sich. So öffneten am 7. Oktober 1909 nach rund anderthalbjähriger Bauzeit gleich zwei Schulen in der Rütlistraße ihre Pforten: die 31. und 32. Gemeindeschule – die spätere Rütli- und Heinrich-Heine-Schule. Es handelte sich hier um öffentliche Schulen, in denen die Kinder eine schulische Grundausbildung erhielten. Während die Jungen die 31. Schule besuchten, war die 32. Schule den Mädchen vorbehalten. Gemeinsam teilten sie sich ein hufeisenförmiges Gebäude, bestehend aus einem Mittelbau und zwei zur Straße hin orientierten Seitenflügeln. Architekt war Reinhold Kiehl, der in seiner achtjährigen Tätigkeit als Stadtbaurat 14 Schulen und viele weitere prägnante Gebäude, darunter das Rathaus und das Stadtbad, für Rixdorf entwarf und das Stadtbild zu Beginn des 20. Jahrhunderts entscheidend mitbestimmte.
Busdepot unweit nördlich des Schulgebäudes, Ecke Pflügerstraße/Rütlistraße (1914)
Foto © Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (02) Nr. II12704
Die Umgebung des Schulstandorts war geprägt von mehrgeschossigen Mietskasernen mit einem oder mehreren Innenhöfen, die im Zuge der Industrialisierung vielerorts entstanden. In direkter Nachbarschaft zum Schulgebäude entstanden aber stattdessen vorwiegend gewerbliche Nutzungen mit Büro-, Lager- und Garagengebäuden. So errichtete die Gesellschaft für elektrische Hoch- und Untergrundbahnen in Berlin, aus der später die BVG hervorging, an der Ecke Pflügerstraße/Rütlistraße – auf dem heutigen Campusgelände – ein Busdepot. Vor dem freistehenden Schulkomplex wiederum erstreckte sich ein Turnhof, der durch den im Grundriss U-förmigen Baukörper und die Rütlistraße begrenzt wurde. Hinter dem Mittelbau befand sich der Haupthof. Ein Schulgarten gehörte ebenfalls zur Anlage.
Knapp 1.000 Schülerinnen und Schüler, verteilt auf 20 Klassen, wurden im ersten Schuljahr in der Rütlistraße unterrichtet. In den Folgejahren stiegen die Schülerzahlen stetig an. Doch der geordnete und unbeschwerte Schulalltag währte nur kurz. Denn der 1914 entfachte Erste Weltkrieg hatte massive Auswirkungen auf den Schulbetrieb. So wurden unter anderem mehrere Lehrer zum Kriegsdienst eingezogen. Zusätzlich erschwerte der Mangel an Lebensmitteln und Kohle die Unterrichtsbedingungen. Im Sommer 1915 wurde das Schulgebäude geräumt und diente fortan als Kaserne. Als Ausweichstandort wurde die 25. Gemeindeschule in der Elbestraße genutzt. Erst im Januar 1920 konnte der renovierte Schulbau wieder bezogen werden.
Koedukativer Kunst- und Werkunterricht am Schulstandort Rütlistraße (1920er Jahre; Foto © Museum Neukölln)
Schule als Versuchsfeld
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden in Berlin sogenannte „weltliche Schulen“ eingeführt, in denen es keinen Religionsunterricht gab. Mit diesem Schulmodell ging die Forderung einher, maßgeblich vorangetrieben durch die dort beschäftigten Lehrkräfte, pädagogisch neue Wege zu beschreiten. Weitere Impulse, Bildung und Erziehung neu zu denken, kamen von engagierten Eltern. Infolgedessen wandelten sich unter anderem die Schulen am Standort Rütlistraße zu weltlichen Einrichtungen, in denen verschiedene neue pädagogische Ideen und Methoden umgesetzt wurden. Getragen wurde diese Entwicklung vor allem von jungen, sozialistischen, kommunistischen und pazifistischen Lehrkräften, die an die Stelle konservativer Lehrerinnen und Lehrer traten. Schon bald gab es daher in der Rütlistraße gemischte Klassen. Und auch bei der Bewertung der Leistungen der Schülerinnen und Schüler ging man neue Wege: Es gab weder Noten noch Zwischenzeugnisse. Stattdessen tauschten sich die Lehrkräfte in regelmäßigen Gesprächen mit den Eltern über das Lern- und Sozialverhalten der Kinder aus. Eine Ausnahme bildeten die Abgangs- und Abschlusszeugnisse, die weiterhin ausgestellt wurden.
1923 erhielten zehn Schulen in fünf Berliner Bezirken, darunter die 31. und 32. Schule in der Rütlistraße, den offiziellen Status von „Versuchsschulen“ und entwickelten sich auf Basis erster, bereits verwirklichter reformpädagogischer Ansätze zu Lebensgemeinschaftsschulen. Diese folgten den Richtlinien des damaligen Berliner Oberstadtschulrats Wilhelm Paulsen, der das Schulmodell Anfang der 1920er Jahre entwickelt hatte. Dabei griff Paulsen insbesondere auf Erfahrungen zurück, die er an Hamburger Gemeinschaftsschulen gesammelt hatte. Für weniger reformfreudige Eltern wurde in Ergänzung zu den beiden neu gegründeten Lebensgemeinschaftsschulen in der Rütlistraße im bestehenden Schulgebäude eine dritte Schule – die 41./42. Schule – eingerichtet, die als weltliche Schule ohne Reformansätze konzipiert war. Damit umfasste die Rütlischule, wie sie im Volksmund genannt wurde, nun drei Schulen.
Luftbild vom Reuterkiez aus dem Jahr 1928 mit Kennzeichnung des Schulgebäudes und der heutigen Ausdehnung des Campus Rütli – CR² (Foto © Geoportal Berlin)
Schulalltag an einer Lebensgemeinschaftsschule
In den beiden Versuchsschulen in der Rütlistraße wurde zwischen Lebensgemeinschaften und Schüler-Arbeitsgemeinschaften – das heißt, zwischen Kern- und Kursangeboten – unterschieden. Die Lebensgemeinschaften entsprachen dabei weitgehend den bisherigen Jahrgangsklassen und waren einer Klassenlehrerin bzw. einem Klassenlehrer zugeordnet. Das Verhältnis zwischen Schulkindern und Lehrkräften war stets durch ein sehr vertrauensvolles Miteinander geprägt. Man duzte sich beispielsweise, was für die Zeit durchaus ungewöhnlich war.
Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaften, der zweiten Säule des Reformkonzepts, wurden die Neigungen der Schülerinnen und Schüler gezielt gefördert. Vier Gruppen von Arbeitsgemeinschaften (AGs) standen dabei zur Auswahl: 1.) AGs zu Unterrichtsfächern, wie beispielsweise Erdkunde und Geschichte, in denen der Unterrichtsstoff vertieft wurde, 2.) AGs zu Nicht-Unterrichtsfächern, darunter Englisch, Esperanto, Kunstgeschichte usw., 3.) AGs im musisch-kulturellen Bereich, wie zum Beispiel Chorgesang sowie Theaterspiel und 4.) AGs zu praktischen Arbeitsvorhaben. Letztere umfassten beispielsweise die Arbeit im schuleigenen Garten und handwerkliche Kurse, in denen Radios, Skier etc. angefertigt wurden. Die meisten AGs fanden an einem festen Wochentag statt, teilweise nachmittags nach der Schule. Gelegentlich nahmen auch interessierte Eltern an den AGs teil und brachten ihre Kenntnisse und Fähigkeiten ein.
Schulkinder der 31. Schule beim Esperanto-Unterricht (1928; Foto © Museum Neukölln)
Grenzen der Reformpraxis
Ungeachtet aller Erfolge und Neuerungen, welche die Arbeit der Reformpraxis in der Rütlistraße mit sich brachte, zeigten sich aber auch relativ früh die Grenzen der reformpädagogischen Bewegung. So traten soziale Gegensätze in der Elternschaft mit der Zeit immer deutlicher zutage, weshalb sich Teile von ihnen nicht mehr an schulischen Belangen und Aktivitäten (Schulzeitung, Elternversammlungen etc.) beteiligten. Hinzu kam, dass der Standort Rütlistraße immer mehr als „Auffangbecken“ für schwierige Schulkinder und Problemfälle genutzt wurde, die die Regelschulen nicht länger bei sich haben wollten.
Ab den 1930er Jahren, als sich die Folgen der Weltwirtschaftskrise zunehmend auch auf das Schulwesen auswirkten, geriet die Reformpraxis in der Rütlistraße verstärkt unter Druck. So führte zum Beispiel die hohe Arbeitslosigkeit bei vielen zu einem Gefühl von Perspektivlosigkeit. Dies äußerte sich auch in veränderten sozialen Verhaltensweisen: Diebstähle häuften sich und die Aggressivität der Kinder untereinander nahm zu. Dies war verbunden mit einem schwindenden Interesse der Eltern an dem Schulmodell. 1932 verzeichnete insbesondere die 32. Schule einen so starken Anmelderückgang, dass sie auf Beschluss des Bezirksamts aufgelöst wurde. Die betroffenen Schulkinder und Lehrkräfte wurden daraufhin auf die beiden anderen Schulen in der Rütlistraße aufgeteilt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 führte schließlich zur endgültigen Beendigung der Reformpraxis vor Ort; die Reformschulbewegung wurde zerschlagen. In der Rütlistraße entstanden wieder zwei nach Geschlechtern getrennte Schulen.
Schulkinder beim Ausdruckstanz (1920er Jahre; Foto © privat)
Auch wenn das Modell der Lebensgemeinschaftsschule in der Rütlistraße nach rund zehn Jahren wieder ein Ende fand, so erlangte die umgangssprachlich so bezeichnete Rütlischule als Reformvolksschule damals große Aufmerksamkeit. Hier erprobten Lehrkräfte gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern nicht nur neue Unterrichtsmethoden und -fächer, sondern revolutionierten mit ihrem pädagogischen Programm auch die schulische Bildung und Erziehung. Dies machte die „Rütlischule“ weit über die Kiezgrenzen hinaus bekannt und trug dazu bei, dass der Ansatz des gemeinschaftlichen Lernens Einzug in das Berliner Schulsystem fand.
Christoph Lentwojt
Pädagogisches Konzept im 21. Jahrhundert
Mit dem Campus Rütli rund um die Rütli-Schule ist ein für breite Bevölkerungsschichten zugänglicher Ort mit vielfältigen Bildungs- und sozialen Angeboten entstanden. Ein entsprechendes Gesamtkonzept für den Campus wurde 2007 verabschiedet. Zu Beginn des Schuljahres 2009/2010 schlossen sich die drei bis dahin eigenständigen Schulen Franz-Schubert-Grundschule, Rütli-Hauptschule und Heinrich-Heine-Realschule im Rahmen des Pilotprojekts „Gemeinschaftsschule“ der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung zur ersten Gemeinschaftsschule Berlin, Bezirk Neukölln zusammen. Im Jahr 2014 erfolgte die Umbenennung in „Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli“.
Jugend Raum geben
Dies ist ein Artikel ist aus dem KARLSON #11 – 2024, der Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee.
Stand November 2024
Jugend Raum geben
Neubau der Jugendeinrichtung Blueberry ist eröffnet
Am 13. September 2024 wurde der Neubau des Kinder- und Jugendtreffs „Blueberry“, ehemals „Blueberry Inn“, in der Reuterstraße 9-10 feierlich eröffnet. Eröffnungsreden hielten Stephan Machulik (Staatssekretär für Wohnen und Mieterschutz) und Bezirksbürgermeister Martin Hikel. Die Bezirksstadträtinnen Karin Korte (Bildung, Kultur und Sport), Sarah Nagel (Jugend) und Bezirksstadtrat Jochen Biedermann (Stadtentwicklung, Umwelt und Verkehr) meldeten sich in einer von zwei Jugendlichen geführten Podiumsdiskussion zu Wort. Trotz eines regnerischen Freitagnachmittags fiel die Einweihungsfeier sehr gut besucht aus. Die hohe Besucherzahl und der große Andrang auf den angrenzenden Spielflächen zeigten, wie groß die Vorfreude auf das neue Kinder- und Jugendangebot ist.
Eröffnung des Neubaus und der Außenanlagen
Das im Jahr 2007 errichtete Bestandsgebäude, das in Gedenken an einen verstorbenen Sozialarbeiter nun den Namen „Rahim-Yildirim-Haus“ trägt, war lange Zeit der einzige Treffpunkt für Kinder und Jugendliche im Quartier. Mit einer Fläche von 40 Quadratmeter und einer Besucherfrequenz von bis zu 80 Kindern pro Tag stieß es jedoch stark an seine Grenzen. Mit dem zusätzlichen Neubau und den neuen Außenanlagen kommt man dem dringend benötigten zusätzlichen Angebot an Jugend- und Sozialeinrichtungen nun endlich nach.
Blick auf die neue Dachterrasse (Foto © Partner und Partner Architekten)
Das neue Gebäude soll als generationsübergreifender Lern- und Spieleort dienen und gilt damit als „Leuchtturmprojekt mit Synergieeffekten“, wie Karin Korte bei der Eröffnung mitteilte. Zusätzlich zur Jugend- und Sozialarbeit des gemeinnützigen Trägers Outreach wird es ein Angebot an Kursen der Volkshochschule sowie der Helene-Nathan-Bibliothek geben. Diese richten sich nicht nur an Kinder- und Jugendliche, sondern auch an Erwachsene. So besteht für Erwachsene beispielsweise die Möglichkeit, vormittags einen Sprachkurs zu besuchen, während Schulkinder nachmittags Nachhilfe und Unterstützung bei Hausaufgaben sowie anderen schulischen Bedarfen in Anspruch nehmen können. Darüber hinaus können Kinder und Jugendliche weiterhin vor Ort – ohne Anmeldung und kostenlos – zahlreiche Freizeitangebote wahrnehmen, die vor allem dem Erlernen von Teamfähigkeit, Fairness sowie dem Umgang mit Regeln dienen sollen. Neben den täglichen Angeboten des gemeinwohlorientierten Trägers Outreach kommen regelmäßige projektorientierte Angebote hinzu, die in partizipativen Prozessen von den Kindern mitbestimmt werden. Deren Spannbreite reicht von Bewegungs- und geschlechtersensiblen Angeboten über Selbstverteidigungskurse, bis hin zu Ausflügen und Reisen. Das Bestandsgebäude ist nach der Sanierung für die Betreuung Jugendlicher ab 14 Jahren vorgesehen.
Nicht nur das soziale, sondern auch das neu geschaffene physische Angebot lässt eine Nutzung durch unterschiedliche Altersgruppen zu. Das Erdgeschoss des Neubaus verfügt über einen Bewegungsraum, einen Raum für digitale und analoge Spiele, eine Küche, in der auch gemeinsam mit den Jugendlichen gekocht wird, sowie einen halböffentlichen Garten, der ausschließlich über das neue Gebäude betreten werden kann. Damit stellt der neue Garten, als Teil des pädagogischen Konzepts, einen geschützten Außenbereich für die Kinder und Jugendlichen des Blueberry’s dar. In diesem befindet sich außerdem der „Vulkangarten“, ein aus einem Wettbewerb hervorgegangenes Kunst-am-Bau-Projekt der Künstlerin Valeska Peschke. Im zweiten Stockwerk des Gebäudes sind zudem eine Terrasse, ein Mädchenraum sowie zwei große Kursräume untergebracht.
Die Fluchttreppe verbindet die Dachterrasse mit dem halböffentlichen Garten (Foto © Partner und Partner Architekten)
Im Außenbereich erstrahlt der sanierte Fußballplatz, der mit einem Spielbereich für jüngere Kinder erweitert wurde, in neuem Licht sowie leuchtend blauer Farbe. Mit der Eröffnung des Calisthenics-Parks an der Reuterstraße Ende November 2024 wird ein zusätzliches Angebot für ältere Sportbegeisterte geschaffen. Gemeinsam mit der bereits 2022 eröffneten Spieleskulptur „Seemannsgarn“ sowie dem Kleinkinderspiel „Strandgut“ (an Stelle des ehemaligen „Käpt’n-Blaubär-Spielplatzes“) stehen nun somit zahlreiche neue Spiel- und Sportflächen für unterschiedliche Nutzergruppen zur Verfügung.
Zeitgleich mit dem Calisthenics-Park wird auch das sanierte Bestandsgebäude eröffnet. Mit deren Fertigstellung ist auch der letzte Bauabschnitt abgeschlossen. Die Gesamtkosten für Gebäude und Außenanlagen belaufen sich nach Fertigstellung der Außenanlagen auf rund 5,7 Millionen Euro. Der Neubau wurde aus dem Städtebauförderungsprogramm „Sozialer Zusammenhalt” gefördert.
Spieleskulptur „Seemannsgarn“ und dahinterliegendes Bestandsgebäude (Foto © Susanne Tessa Müller)
Geplant wurde das Projekt von der Bietergemeinschaft Partner und Partner Architektur (Neubau) und JUCA Architektur + Landschaftsarchitektur (Außenanlagen). Ihr Entwurf ging aus einem 2018 durchgeführten Auswahlverfahren als Sieger hervor. Beim Entwurf wurde besonderer Wert auf eine nachhaltige Bauweise und die Auswahl langlebiger Materialien gelegt, um eine hohe Beständigkeit zu gewährleisten. Der Neubau wurde bis auf den aussteifenden Kern und die Bodenplatte vollständig aus Holz errichtet. Darüber hinaus war es den Planenden wichtig, auf die Gegebenheiten des bestehenden Ortes einzugehen. So setzt sich beispielsweise das vom ehemaligen „Käpt’n-Blaubär-Spielplatz“ ausgehende Thema Wasser in der blauen Farbgebung der Spielgeräte, der Spielflächen und der Holzfassade des Neubaus eindrucksvoll fort.
Apropos Wasser: Wer sich bereits über die unterschiedlichen Namensgebungen „Blueberry Inn“ und „Blueberry“ gewundert hat, darf über folgende Erklärung schmunzeln: Das Wort „Inn“ spielte auf den Rückzugsort des Käpt’n Blaubärs an, das sich unter der jungen Nutzergruppe jedoch nicht durchgesetzt hat – „die Jugendlichen gehen ins Blueberry“, stellt Sozialarbeiter Michael Thoma fest. Aus diesem Grund hat man das „Inn“ aus dem Namen wieder herausrausgenommen, wie am Schriftzug des Neubaus zu erkennen ist.
Carolina Crijns
Weitere geplante soziale Einrichtungen
Das Blueberry liegt im Gebäudeblock 77 zwischen Karl-Marx-Straße und Reuterstraße, für den bereits 2015 ein Entwicklungskonzept ausgearbeitet wurde, um dem dringenden Bedarf an Kinder-, Jugend- und Familieneinrichtungen im dicht bebauten Zentrumsbereich nachzukommen. Um ausreichend öffentliche Bauflächen für die Entwicklung zu sichern, wurden ein Bebauungsplan aufgestellt und zwei Grundstücke mit Städtebauförderungsmitteln vom Land Berlin erworben. In der Baulücke an der Karl-Marx-Straße ist die Errichtung einer Kinder- und Familieneinrichtung geplant. Derzeit werden die Grundlagen für die konkrete Entwurfsplanung erarbeitet.
Mehr Aufenthaltsqualität im Kiez
Dies ist ein Artikel ist aus dem KARLSON #11 – 2024, der Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee.
Stand November 2024
Mehr Aufenthaltsqualität im Kiez
Beginn der Sanierungsarbeiten auf dem Karl-Marx-Platz
Nach einem umfangreichen Planungs- und Beteiligungsprozess haben im Oktober dieses Jahres die Umbauarbeiten am Karl-Marx-Platz begonnen. Der erste Spatenstich erfolgte auf der nördlichen Fahrbahn durch Bezirksstadtrat Jochen Biedermann. Die Umgestaltung der Platzfläche ist für das Jahr 2025 vorgesehen.
Die Planungen zur Erneuerung des Karl-Marx-Platzes begannen bereits 2019. Hauptziel war es schon damals, die Aufenthaltsqualität und die Bedingungen für den Marktbetrieb durch eine Neugestaltung der Platzinnenfläche zu verbessern und die nördliche Fahrbahn fahrradfreundlich umzugestalten. Nach einer Öffentlichkeitsveranstaltung im Jahr 2019 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung, auf Wunsch der Anwohnenden, die „Schnalle“, den engen Straßenabschnitt zwischen Karl-Marx-Platz und Richardplatz, zu schließen. Diese verkehrsberuhigende Maßnahme wurde bereits im Mai 2021 umgesetzt.
Blick über den Karl-Marx-Platz in Richtung Platzspitze
Nach einem umfangreichen Planungs- und Beteiligungsprozess haben im Oktober dieses Jahres die Umbauarbeiten am Karl-Marx-Platz begonnen. Der erste Spatenstich erfolgte auf der nördlichen Fahrbahn durch Bezirksstadtrat Jochen Biedermann. Die Umgestaltung der Platzfläche ist für das Jahr 2025 vorgesehen.
Die Planungen zur Erneuerung des Karl-Marx-Platzes begannen bereits 2019. Hauptziel war es schon damals, die Aufenthaltsqualität und die Bedingungen für den Marktbetrieb durch eine Neugestaltung der Platzinnenfläche zu verbessern und die nördliche Fahrbahn fahrradfreundlich umzugestalten. Nach einer Öffentlichkeitsveranstaltung im Jahr 2019 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung, auf Wunsch der Anwohnenden, die „Schnalle“, den engen Straßenabschnitt zwischen Karl-Marx-Platz und Richardplatz, zu schließen. Diese verkehrsberuhigende Maßnahme wurde bereits im Mai 2021 umgesetzt.
Stadtrat Jochen Biedermann beim Spatenstich (Foto © BSG)
Die aktuellen Umbauarbeiten teilen sich in zwei Bauabschnitte auf. In einem ersten Schritt wird die nördliche Fahrbahn so umgestaltet, dass Radfahrende diese zukünftig in beiden Richtungen sicher und komfortabel passieren können. Zwischen der nördlichen Fahrbahn und der Radspur in Richtung Richardplatz wird eine Bordsteinreihe eingebaut, die beide Spuren baulich voneinander trennt. Die Fahrbahn erhält einen fahrradfreundlichen Belag aus gesägtem Großsteinpflaster, wodurch die historische Pflastergestaltung erhalten bleibt. Östlich der Platzspitze wird die Fahrbahn mit einem „Rixdorfer Kissen“, eine Aufpflasterung mit Großsteinpflaster, auf einer Teilfläche angehoben. Insgesamt verbessert sich hierdurch die Übersichtlichkeit im Einmündungsbereich. Durch die Trennung der Flächen entsteht außerdem eine klare Verkehrsführung um die Spitze herum. Auf der südlichen Fahrbahn werden Lieferzonen für die Belieferung der Gewerbetreibenden sowie Fahrradabstellanlagen eingerichtet.
Der zweite Bauabschnitt wird im Jahr 2025 begonnen und betrifft die Platzfläche. Der Platz mit seiner historischen Dreiecksform soll künftig ein attraktiver Aufenthaltsraum für Anwohnende sein und gleichzeitig dem Marktbetrieb gerecht werden. Als Bodenbelag wird daher ein widerstandsfähiges Betonsteinpflaster mit Natursteinvorsatz verbaut. Die Skulpturengruppe „Imaginäres Theater“ bleibt erhalten. Am Rand des Platzes entstehen Sitzmöglichkeiten, die zusätzlich zu den Pollern eine Abgrenzung zur Straße bilden und unberechtigtes Parken verhindern. Zudem werden die vorhandenen Baumscheiben erneuert. Auch die östliche Platzspitze erfährt eine Umgestaltung. Der Baumbestand bleibt dabei erhalten. Verwilderte Bodendecker und Sträucher dagegen werden entfernt, ebenso die massive Bank und der Pflanzkübel. Im Gegenzug entstehen Aufenthaltsbereiche, neue Baumscheiben und eine bepflanzte Mulde. Zusätzlich wird der Bereich mit einem Sand-Kies-Gemisch als versickerungsfähiger Oberfläche ausgestaltet sowie mit Bänken und kleineren Spielgeräten ausgestattet.
Aktuelle Sitzgruppe im vorderen Bereich der Platzspitze
Insbesondere die Planungen zur Entwässerung des Regenwassers führten zur Verlängerung des Planungsprozesses. Die ursprünglich angedachte Regenwasserversickerung über ein unterirdisches Rigolensystem hätte nach Einschätzung der Berliner Wasserbehörde aufgrund eines hohen Unterhaltungsaufwands nicht verwirklicht werden können. Das nun abgestimmte Entwässerungskonzept sieht eine Versickerung in Kombination mit einer Ableitung in die Kanalisation vor. So wird auf der Platzfläche anfallendes Regenwasser mithilfe des Gefälles zum einen in die Straßenabläufe entwässert und zum anderen über eine Pflasterrinne in die Versickerungsmulde auf der Platzspitze geleitet. Darüber hinaus wird das ehemalige Brunnenbecken in eine begrünte Entwässerungsmulde umgestaltet. Durch die Versickerung vor Ort werden die Bäume mit zusätzlichem Wasser versorgt und es kommt insbesondere in den Sommermonaten zu einer mikroklimatischen Abkühlung.
Der erste Bauabschnitt soll im Winter 2024/25 fertiggestellt werden. Ein konkreter Zeitplan für den zweiten Bauabschnitt wird derzeit erarbeitet. Außerdem wird die Möblierung des Platzes zeitnah konkretisiert. Alle wichtigen Informationen zum zweiten Bauabschnitt werden rechtzeitig über einen weiteren Informationsflyer bekannt gegeben.
David Fritz
Mehr zum Planungsprozess
Auf unserer Website finden Sie ausführliche Informationen zum bisherigen Planungsprozess sowie detaillierte Entwurfspläne. Dort kann auch der aktuelle Informationsflyer heruntergeladen werden.
Dem Klima entgegen
Dies ist ein Artikel ist aus dem KARLSON #11 – 2024, der Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee.
Stand November 2024
Dem Klima entgegen
Bund und Bezirk Neukölln legen neue Hitzeschutzstrategien vor
Jährlich wird es heißer: Die Anzahl der Hitzetage mit einer täglichen Durchschnittstemperatur von über 23°C hat sich in den letzten Jahrzehnten fast verdreifacht. Um den steigenden Temperaturen entgegenzuwirken, hat der Bezirk Neukölln diesen Sommer einen ersten Hitzeschutzplan vorgelegt, um vor allem besonders vulnerable Personengruppen zu schützen. Er zielt damit insbesondere auf gesundheitliche Maßnahmen ab, die dabei helfen sollen, länger anhaltende Hitzeperioden, von denen sich der menschliche Körper nur schwer erholen kann, zu vermeiden.
Damit schließt der bezirkliche Hitzeschutzplan sich den Hitzeschutzstrategien des Bundesbauministeriums an, das Hitzeschutz als soziales Thema definiert und sich Umweltgerechtigkeit zum Ziel gesetzt hat. Denn im Sommer leiden vor allem benachteiligte Bevölkerungsgruppen unter hohen Temperaturen, da sie der Hitze nicht so gut ausweichen können oder ihr Körper Hitze nicht so gut verkraften kann. Dies betrifft vor allem wohnungslose Menschen und Menschen, die draußen arbeiten, oder auch Schwangere sowie ältere oder chronisch kranke Menschen. Zufluchtsorte wie wir sie im Winter kennen, wie zum Beispiel Wärmestuben und Notversorgungen, werden damit in entsprechender Form zunehmend auch in den Sommermonaten ein Thema werden.
Anzahl der Hitzetage mit einer täglichen Durchschnittstemperatur von über 23°C in Berlin, 1985-2023. (Quelle: Hitzeschutzplan 2024 des Bezirks Neukölln)
Zum Schutz vor Hitze werden zwei unterschiedliche Ansätze verfolgt. Während die Verhaltensprävention darauf abzielt, klimaanpassende Veränderung durch individuelle Verhaltensweisen zu erreichen, sollen mit der Verhältnisprävention Lebensverhältnisse auf struktureller Weise verbessert werden. So wurde zur Unterstützung der Verhaltensprävention vom Bezirk Neukölln zusammen mit dem Verein für ökologische Kommunikation (oekom e.V.) im Frühjahr 2024 erstmals ein „Klimasparbuch“ vorgelegt. Es handelt sich hierbei um einen kostenlosen Ratgeber, der mit zahlreichen Tipps und Tricks zeigt, wie sich auf individueller Ebene schon kleine Maßnahmen im Alltag auf das Klima sowie den eigenen Geldbeutel positiv auswirken können. Dabei geht es vor allem um eine klimafreundliche Ernährung, energiesparende Maßnahmen im eigenen Haushalt (vom Kochen bis zur Mobilität), oder auch um die Förderung der Kreislaufwirtschaft durch eine verbesserte Reparatur- und Flohmarktkultur. Als Bonus und Anreiz beinhaltet das Klimasparbuch Gutscheine von lokalen Anbietern nachhaltiger Produkte und Dienstleistungen. Zu finden ist das Klimasparbuch in den Neuköllner Bibliotheken, Bürgerämtern, Quartiersmanagement-Büros, Senioren- und Jugendfreizeitstätten sowie kulturellen Einrichtungen.
Hitzekarte Neukölln
Die Hitzekarte des Bezirks Neukölln stellt die Hitzebelastung in den jeweiligen Planungsräumen dar. Die dunkelroten Flächen deuten auf eine besonders hohe Hitzebelastung hin. In der Karte können die Standorte von Trinkbrunnen der Berliner Wasserbetriebe sowie von den „kühlen Räumen“ eingesehen werden. Trinkwasser, Sitzgelegenheiten und Sanitäranlagen sind in den kühlen Räumen vorhanden. Bitte beachten Sie die Öffnungszeiten der jeweiligen Einrichtungen.
Bei der Verhältnisprävention hingegen geht es um die Verbesserung der Aufenthaltsqualität in öffentlichen Räumen und Gebäuden durch infrastrukturelle Maßnahmen. Damit geht sie trotz der sich verschärfenden Folgen des Klimawandels von einer Steuerung der räumlichen und baulichen Einflussfaktoren auf die Hitzeentwicklung aus, die durch eine integrierte (also fachbereichsübergreifende) Stadtentwicklung erreicht werden kann. Zu den Maßnahmen der Verhältnisprävention gehören beispielsweise die Sicherung von Kaltluftentstehungsflächen und die damit einhergehende Vernetzung von Grünräumen.
Fußläufig zu erreichende Erholungsflächen sind besonders in innerstädtischen Gebieten wichtig, da hier aufgrund von hohem Versiegelungsgrad, geringem Vegetationsanteil und schlechter Durchlüftung verstärkt Wärmeinseleffekte auftreten können. Diese innerstädtischen Wärmeinseln können, verglichen mit den Temperaturen am Stadtrand, oft bis zu 10°C höhere Temperaturen aufweisen. In dicht bebauten Gebieten kann diesem Phänomen durch nachträgliche Begrünung beispielsweise von Dächern und Fassaden sowie dem Pflanzen von Bäumen betgegnet werden. So können laut einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2,5 Kubikmeter Grünvolumen je Quadratmeter die Umgebungstemperatur bereits um 1°C senken. Der Hitzeschutzplan des Bezirks nennt diesbezüglich für 2024 Maßnahmen wie den laufenden, klimaresilienten Umbau der Hasenheide, die Begrünung und Entsiegelung von Innenhöfen sowie der Pflanzung von etwa 150 klimaangepassten Straßenbäumen.
Berlin in 60 Jahren
Wer wissen möchte, wie sich Berlin in etwa 60 Jahren anfühlen wird, kann einen Blick auf die Webseite „Future Urban Climate“ der Universität Maryland werfen. Dort werden Temperaturprognosen für Städte im Jahr 2080 mit den bereits bestehenden Konditionen andernorts verglichen. Der Studie nach wird sich das Klima in Berlin in 60 Jahren so anfühlen, wie es bereits heute in der norditalienischen Stadt Padulle in der Emilia-Romagna wahrgenommen wird. Nach diesen Prognosen soll es im Sommer 2080 in Berlin 5,7°C wärmer und 8,1 % trockener werden. Die Wintermonate werden dagegen 5,1°C wärmer und 11,5 % feuchter erwartet.
Darüber hinaus kann das Schaffen von „kühlen Räumen“ eine weitere hilfreiche klimaanpassende Maßnahme darstellen. In diesem Sinne hat das Bezirksamt nun erstmals ein Netzwerk an solchen Räumen vorgelegt, unter anderem bestehend aus Stadtteilzentren, an denen Menschen an besonders heißen Tagen Zuflucht finden können. Zu finden sind die Standorte dieser kühlen Räume als interaktive Hitzekarte auf der Webseite des Bezirksamts. Noch umfänglicher hingegen ist die Berliner Erfrischungskarte der städtischen Plattform „Bärenhitze – Berlin bleibt cool“. Neben kühlen öffentlichen Räumen werden dort noch weitere zur Erholung geeignete Orte wie beispielsweise Badestellen, Trinkbrunnen, Grünanlagen, Sitzbänke und Toiletten aufgezeigt. Zusätzlich dazu bietet die Erfrischungskarte Einblick in die sich nach Ort und Uhrzeit unterscheidenden stadtklimatischen Bedingungen am Beispiel eines typischen Sommertags in Berlin. Für jede Stunde zwischen 10 und 20 Uhr können dort anhand von Farbskalen die entsprechenden Bedingungen von Schatten, Lufttemperatur und Menge an kühlem Wind eingesehen werden.
Innerhalb des Sanierungsgebiets Karl-Marx-Straße/Sonnenallee wurden darüber hinaus, unabhängig vom Hitzeschutzplan, bereits verschiedene Maßnahmen zur Klimaanpassung umgesetzt. Viele weitere befinden sich in der Planung beziehungsweise in der Umsetzung. Neben Maßnahmen zur Steigerung der Aufenthaltsqualität und Verkehrsberuhigung wird beispielsweise der Umbau der Elbestraße, der Weichselstraße und des Karl-Marx-Platzes dafür sorgen, dass Niederschlagswasser überwiegend vor Ort versickert und verdunstet, anstatt in die Mischwasserkanalisation eingeleitet zu werden. Das Weigandufer ermöglicht seit seiner Erneuerung eine partielle dezentrale Regenentwässerung. Zudem sind dort wie auch am Lohmühlen-, Weichsel- und Wildenbruchplatz wichtige Maßnahmen zur Stärkung von Grünräumen umgesetzt worden. Hier wurden unter anderem bessere Bedingungen für Straßenbäume geschaffen, die Biodiversität erhöht sowie Grünflächen vergrößert. Außerdem werden bei Nachverdichtungen, wie beispielsweise durch Dachgeschossausbauten oder Aufstockungen, ökologische Ausgleichsmaßnahmen gefordert. Damit werden im Rahmen der sanierungsrechtlichen Genehmigungsverfahren zu guter Letzt auch die Gestaltung und Begrünung von privaten Wohnhöfen unterstützt.
Carolina Crijns
Interview
Dies ist ein Artikel ist aus dem KARLSON #11 – 2024, der Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee.
Stand November 2024
Die Sicht der Marktplaner
Interview mit Nikolaus Fink zu den Umbauarbeiten am Karl-Marx-Platz
Zwei Mal wöchentlich findet auf dem Karl-Marx-Platz ein Wochenmarkt statt. Die Marktplaner, die diesen Markt begleiten, kennen die Gegebenheiten des Platzes somit besonders gut. Wir haben mit Herrn Fink von den Marktplanern über seine Einschätzung zu den Umbauarbeiten gesprochen.
Wochenmarkt auf dem Karl-Marx-Platz (© Susanne Tessa Müller)
Herr Fink, mit der Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes sollen die Aufenthaltsqualität und die Bedingungen für den Marktbetrieb verbessert werden. Sind Sie der Meinung, dass die Planungen diesen Zielen gerecht werden?
Das lässt sich erst im Nachhinein wirklich beurteilen. Ich freue mich aber sehr auf die Umgestaltung. Ich empfinde den bisherigen Prozess als ein Paradebeispiel für gelungene Planung und Beteiligung. Ich habe mich von Anfang an mitgenommen und informiert gefühlt. Hier bekommt man das Gefühl, dass der Markt und seine Bedeutung für den Kiez wertgeschätzt werden.
Bereits die Poller, die im Jahr 2021 aufgestellt worden sind, um den Durchgangsverkehr zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße zu unterbinden, haben viel bewirkt. Dadurch gibt es an diesem Ort keine rasenden Autos mehr, was sich enorm auf die Lautstärke und das Sicherheitsgefühl auswirkt. Der Karl-Marx-Platz hat dadurch bereits deutlich an Aufenthaltsqualität gewonnen, denn nun kann man sich hier auch in geringer Lautstärke unterhalten.
Was die Neugestaltung betrifft, finde ich es gut, dass der Baumbestand erhalten bleibt und dass es attraktive Sitzgelegenheiten geben wird, die zum Verweilen einladen. Damit werden auch Räume geschaffen, an denen kein Konsumzwang herrscht.
Einzig den Liefer- und Anwohnerverkehr sehe ich momentan noch etwas problematisch, da diese noch nicht final geklärt ist. Bisher stellen wir während des Marktgeschehens einen Ordner auf, der die Einfahrt in der nördlichen Fahrbahn kontrolliert.
Was erhoffen Sie sich von der Neugestaltung?
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Aufenthaltsqualität und dem Angebot an Lebensmittelqualität. Je höher die Aufenthaltsqualität, desto höherwertigere Produkte können angeboten werden. Aufenthaltsniveau benötigt jedoch Platz.
Momentan ist der Markt am Karl-Marx-Platz eher ein Ort, an dem die Besuchenden lediglich ihre Einkäufe verrichten. Die Menschen verweilen hier nicht so lange wie beispielsweise bei der „Dicken Linda“, dem Wochenmarkt am Kranoldplatz, wo die Aufenthaltsdauer manchmal vier Stunden beträgt. Aktuell lässt der Markt am Karl-Marx-Platz das aber auch nicht wirklich zu. Menschen, die am Markt am Kranoldplatz einkaufen, geben mehr Geld für ihre Lebensmittel aus. Dadurch gibt es dort auch mehr gehobenere Produkte.
Mit der Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes wird sich dies hoffentlich ändern, da der Markt mehr Platz bekommen und für Anwohnende aus dem Richardkiez attraktiver sein wird. Dadurch können mehr Nischen geschaffen werden, in denen man mal in Ruhe einen Kaffee trinken kann, die zum Verweilen einladen, oder die einem die Möglichkeit bieten, sich mit den Händlerinnen und Händlern über die Produkte zu unterhalten. Mehr Platz bedeutet außerdem weniger Gedränge.
Inwieweit unterscheidet sich der Markt am Karl-Marx-Platz von anderen Märkten?
Der Ort weist durch die vielen umliegenden Läden eine sehr gute Struktur auf. Hier findet man beispielsweise neben anderem Einzelhandel noch einen Fleischer, einen Wein- und einen Bioladen. Dies ist ein klarer Vorteil, denn es ermöglicht den Kundinnen und Kunden ein „One-Stop-Shopping“, also Einkäufe, bei denen man mit „einem Halt“ gleich mehrere unterschiedliche Einzelhandels- oder Dienstleistungsbetriebe besuchen kann.
Der Karl-Marx-Platz zeichnet sich außerdem durch seine gute Lage aus. Er befindet sich mitten in der Stadt, ist aber gleichzeitig ein Ort, an dem man kurz Luft holen kann. Es gibt wenige Orte, wo man für so wenig Geld so viel Frische einkaufen kann.
Nikolaus Fink, Die Marktplaner (© Cathrin Bach)
Welche Bedeutung haben Märkte heute? Wie wird sich deren Bedeutung in den nächsten Jahren ändern?
Märkte sorgen für eine Belebung im Kiez und sind von hoher sozialräumlicher Bedeutung. Hinzu kommt, dass wir auch Marktkonzerte und -events veranstalten, Pflanztröge begrünen und den Alltagsmüll anderer wegräumen. Wir hinterlassen unsere Standorte immer sauberer, als wir sie vorgefunden haben. Dadurch werten wir die Orte, an denen wir Märkte betreiben, weit über das Marktgeschehen hinaus auf und verbessern damit die Aufenthaltsqualität maßgeblich.
Der Trend sagt voraus, dass die sozialräumliche Bedeutung in den nächsten Jahren zunehmen wird. Das heißt, dass ein Markt in Zukunft mehr können muss, als eine reine Verkaufsfläche zur Verfügung zu stellen. Märkte entwickeln sich zu wichtigen „Third Places“, also Orte außerhalb der Arbeit und dem eigenen Zuhause, an denen sozialer Austausch stattfinden kann. Damit einher geht auch ein näherer Kontakt zwischen Händlerinnen und Händlern mit ihrer Kundschaft sowie eine höhere Aufenthaltsqualität.
Gleichzeitig sind Märkte jedoch enormen Herausforderungen ausgesetzt. Menschen geben immer weniger Geld für Lebensmittel aus. Zum einen, weil sie weniger traditionell einkaufen, zum anderen, weil sie billig beim Discounter einkaufen. Parallel dazu steigt die Nachfrage nach Flugreisen stark an. Das beim Lebensmitteleinkauf gesparte Geld wird also lieber für Reisen ausgegeben. Zusätzlich mangelt es den Händlerinnen und Händlern an personellen Ressourcen. Aufgrund dieser Entwicklungen gibt es heute ein Drittel weniger Märkte als noch vor 20 Jahren. Besonders in Berlin stellt der Zuwachs an Einzelhandelsflächen ein weiteres großes Problem dar. Mit rund 70 Einkaufszentren weist die Stadt eine offenkundig zu hohe Dichte auf.
Was wünschen Sie sich konkret für den Markt am Karl-Marx-Platz mit Blick in die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass die Marktgäste die neu entstandene Vielfalt und Aufenthaltsqualität wertschätzen werden und dass der Markt als stabiler Anker im Kiez sowie zur Bewusstseinsbildung von frischen Lebensmitteln und gutem Essen beitragen wird. Auch würde ich mich freuen, wenn sich die Einkaufenden zu Stammkundinnen und -kunden entwickeln, die sich auch gerne mal über die unterschiedlichen Zubereitungsweisen von Brokkoli, Auberginen oder Portulak austauschen.
Außerdem hoffe ich, dass nach Fertigstellung der Neugestaltung noch genug Händlerinnen und Händler in der Lage sein werden, um den Markt weiterzuentwickeln. Denn mit ihnen zusammenzuarbeiten, gehört zu denen Dingen, die mir an meinem Beruf am meisten Spaß machen: extrem handlungs- und lösungsorientierte Menschen dabei zu unterstützen, alltägliche Probleme zu meistern. Die Händlerschaft hier besitzt eine enorme Widerstandsfähigkeit – nach Corona sowieso. Hinzu kommt, dass viele von ihnen in Familienunternehmen aufgewachsen sind und somit früh gelernt haben, resistent zu bleiben und ihre Arbeit kreativ anzugehen. An ihnen lässt sich beobachten, wie viel Menschen gemeinsam erreichen können, wenn sie sich aufeinander verlassen. Denn Vertrauen ist die eigentliche Währung auf dem Wochenmarkt.
Das Gespräch führte Carolina Crijns.
Karlson 11
Der KARLSON #11 – 2024, die Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee, bietet wie gewohnt einen umfassenden Überblick über die aktuellen Entwicklungen und Projekte vor Ort. In dieser Ausgabe berichten wir unter anderem über die neu eröffnete Kinder- und Jugendeinrichtung Blueberry in der Reuterstraße, den Beginn der Neugestaltung des Karl-Marx-Platzes und die weitere Ausgestaltung des Kindl-Areals. Ebenfalls vorgestellt werden die Planungen zur Umgestaltung des Schulhofs der Elbeschule. Hier waren im Rahmen des Beteiligungsprozesses die Schülerinnen und Schüler eingeladen, ihre Wünsche zu äußern und so das zukünftige Erscheinungsbild des Hofs mitzugestalten. Die fortschreitende Freianlagenentwicklung auf dem Campus Rütli ist zudem Anlass für einen historischen Blick auf die Reformschulbewegung an diesem Standort. Des Weiteren werden die neuen Hitzeschutzstrategien des Bezirks erörtert, die längere Hitzeperioden erträglicher machen sollen. Nachfolgend können Sie die einzelnen Artikel ansehen.
Stand November 2024
KARLSON ONLINE AUSGABEN
Ausgabe 12 – 2025
Ausgabe 11 – 2024
Ausgabe 10 – 2023
Ausgabe 9 – 2022
Ausgabe 8 – 2021
Ausgabe 7 – 2020

Jugend Raum geben
Am 13. September 2024 wurde der Neubau des Kinder- und Jugendtreffs „Blueberry“, ehemals „Blueberry Inn“, in der Reuterstraße 9-10 feierlich eröffnet.
Eröffnungsreden hielten Stephan Machulik (Staatssekretär für Wohnen und Mieterschutz) und Bezirksbürgermeister Martin Hikel. Weiterlesen…

Grußwort
Ich freue mich, Ihnen die 11. Ausgabe der Sanierungszeitung KARLSON vorstellen zu können, in der wir Sie wie gewohnt über aktuelle Entwicklungen, Sanierungsvorhaben sowie -planungen im Lebendigen Zentrum und Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee informieren. Weiterlesen…

Dem Klima entgegen
Jährlich wird es heißer: Die Anzahl der Hitzetage mit einer täglichen Durchschnittstemperatur von über 23°C hat sich in den letzten Jahrzehnten fast verdreifacht. Um den steigenden Temperaturen entgegenzuwirken, hat der Bezirk Neukölln diesen Sommer einen ersten Hitzeschutzplan vorgelegt, um vor allem besonders vulnerable Personengruppen zu schützen. Weiterlesen…

Kinder entwerfen ihren Schulhof
Vor den diesjährigen Sommerferien fanden zwei Beteiligungsworkshops zur Neugestaltung des Schulhofs Elbeschule statt. Denn der abgenutzte Schulhof bietet in seinem aktuellen Zustand kein kindergerechtes und abwechslungsreiches Angebot mehr an und weist somit eine geringe Aufenthaltsqualität auf. Weiterlesen…

Vorzugsvariante für den Umbau der Elbestraße
Für die Um- und Neugestaltung der Elbestraße in einen besonders für den Fuß- wie Radverkehr attraktiven und klimaangepassten Stadtraum wurde im Mai 2023 mit der Erstellung einer Machbarkeitsstudie begonnen. Weiterlesen…
Mehr Aufenthaltsqualität im Kiez
Nach einem umfangreichen Planungs- und Beteiligungsprozess haben im Oktober dieses Jahres die Umbauarbeiten am Karl-Marx-Platz begonnen. Der erste Spatenstich erfolgte auf der nördlichen Fahrbahn durch Bezirksstadtrat Jochen Biedermann. Die Umgestaltung der Platzfläche ist für das Jahr 2025 vorgesehen. Weiterlesen…

Die Sicht der Marktplaner
Zwei Mal wöchentlich findet auf dem Karl-Marx-Platz ein Wochenmarkt statt. Die Marktplaner, die diesen Markt begleiten, kennen die Gegebenheiten des Platzes somit besonders gut. Wir haben mit Herrn Fink von den Marktplanern über seine Einschätzung zu den Umbauarbeiten gesprochen. Weiterlesen…

Lern- und Begegnungsort im Grünen
Die Qualifizierung des Campus Rütli hin zu einem vielschichtigen Bildungs- und Begegnungsraum, an dem Schule und Nachbarschaft zusammenkommen, schreitet voran. Mit dem „Großen Garten“, der Freianlage zwischen Pflüger- und Ossastraße, konnte im vergangenen Jahr ein weiterer wichtiger Meilenstein erfolgreich umgesetzt werden. Weiterlesen…

Gemeinschaft macht Schule
Mit seinen zahlreichen Angeboten und Einrichtungen stellt der Campus Rütli – CR² im Reuterkiez für viele Schulkinder und Menschen aus der Nachbarschaft einen wichtigen Bezugspunkt dar. Herzstück des Campus ist die Gemeinschaftsschule, die auf eine 125-jährige Geschichte zurückblicken kann. Weiterlesen…
Kultur, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit im Fokus
Zahlreiche Gebäude sind in den letzten Jahren auf dem Kindl-Gelände abgetragen, umgebaut oder neu errichtet worden. In naher Zukunft wird auch der letzte, „unentwickelte“ Teil dieses einzigartigen Stadtraums neu belebt. Weiterlesen…

Wildenbruchplatz in voller Blüte
Das Bezirksamt Neukölln hat 2023 an mehreren Stellen im Bezirk Blühstreifen angelegt. Die neuen Blühwiesen sollen nicht nur Insekten und anderen Kleintieren einen Lebensraum bieten, sondern zugleich das Stadtbild verschönern. Weiterlesen…

Ausbau der Weserstraße zur Fahrradstraße
Ein weiterer Teil der Weserstraße ist seit kurzem Fahrradstraße. Am 23. Oktober eröffneten Johannes Wieczorek und Jochen Biedermann gemeinsam mit Anwohnenden und Interessierten den zweiten Bauabschnitt zwischen Fulda- und Innstraße. Weiterlesen…

Tore an der Uferpromenade Weichselplatz
Am nördlichen und südlichen Eingang des Weichselplatzes wurden Zäune mit Pendeltoren errichtet, um die Uferpromenade für den Radverkehr unattraktiv und für den Fußverkehr sicherer zu gestalten. Weiterlesen…
Kindl-Areal hautnah
Die 15. Ausgabe des BROADWAY erzählt unter dem Titel „Blicke“ die Geschichten und Perspektiven einiger Menschen und Einrichtungen auf das Zentrum Karl-Marx-Straße. Sie zeigt, wie jene, die hier leben, wirken und arbeiten, die Straße tagtäglich mitgestalten und sie so zu einem lebendigen und einzigartigen Ort machen. Wir sprechen mit unterschiedlichen Akteur*innen, fangen die Sichtweisen von Kindern, Jugendlichen und Senior*innen ein und gewähren spannende Einblicke in die vielfältigen Lebensrealitäten entlang der Karl-Marx-Straße und in den angrenzenden Kiezen.
Stand Oktober 2024
Kindl-Areal hautnah
Am 3. Juli 2024 war es wieder so weit: Die Lenkungsgruppe der [Aktion! Karl-Marx-Straße] lud zur „Lenkungsgruppe vor Ort“ ein, um gemeinsam mit Anwohnenden, Vertreter*innen von Einrichtungen aus dem Gebiet, Mitarbeitenden des Bezirksamts und Weiteren spannende Projekte rund um die Karl-Marx-Straße zu besuchen. Unter dem Motto „KINDL-Gelände: Entdecken und Kennenlernen neuer Projekte und Akteure“ führte der Rundgang diesmal über das Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei.
Auftakt des Rundgangs mitten auf dem Kindl-Gelände
Bezirksstadtrat Jochen Biedermann eröffnete die Veranstaltung und begrüßte zusammen mit der Lenkungsgruppe alle Teilnehmenden herzlich. Nach einer kurzen Einführung in die Planungsgeschichte des Stadtraums ging es zum zukünftigen Kultur- und Gewerbehof Vollgut. Dort stellten Philine Barbe und Aslı Varol, Vorstandsmitglieder der Vollgut eG, das gemeinwohlorientierte Projekt und den geplanten Umbau des Gebäudes vor. Danach erwartete die Gruppe ein besonderes Erlebnis. Es ging in die alten Kellerräume, in denen früher die vollen Bierflaschen und -fässer – das sogenannte „Vollgut“ – gelagert wurden.
Das Berlin Global Village bildete den nächsten Programmpunkt. Hier führte Angelina Jellesen die Teilnehmenden durch den Gebäudekomplex, der Raum für rund 50 migrantisch-diasporische und entwicklungspolitische Vereine und Initiativen bietet, die sich mit Themen der globalen Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Diversität auseinandersetzen.
In einem der weitläufigen, lichtlosen Kellerräume des Vollgut-Komplexes
Anschließend besichtigte die Gruppe das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, das seit 2016 Baugeschichte und Gegenwartskunst miteinander verbindet. Georg Lehmann, kaufmännischer Leiter des Ausstellungshauses, führte die Teilnehmenden durch das 20 Meter hohe Kesselhaus sowie das Sudhaus und erläuterte unter anderem, wie eng das Zentrum mit den umliegenden Kiezen verknüpft ist.
Bei einem kleinen Imbiss und Getränken im Biergarten „Babette’s Garden“ tauschten sich die Teilnehmenden nach dem Rundgang in gemütlicher Atmosphäre aus. Es waren sich alle einig, dass es sich gelohnt hat, das Kindl-Areal aus einer neuen Perspektive kennenzulernen.
Christoph Lentwojt, raumscript
Kaffee, Kuchen und Kebap
Die 15. Ausgabe des BROADWAY erzählt unter dem Titel „Blicke“ die Geschichten und Perspektiven einiger Menschen und Einrichtungen auf das Zentrum Karl-Marx-Straße. Sie zeigt, wie jene, die hier leben, wirken und arbeiten, die Straße tagtäglich mitgestalten und sie so zu einem lebendigen und einzigartigen Ort machen. Wir sprechen mit unterschiedlichen Akteur*innen, fangen die Sichtweisen von Kindern, Jugendlichen und Senior*innen ein und gewähren spannende Einblicke in die vielfältigen Lebensrealitäten entlang der Karl-Marx-Straße und in den angrenzenden Kiezen.
Stand Oktober 2024
Kaffee, Kuchen und Kebap
Der MoRo Seniorenwohnanlagen e.V. in der Rollbergstraße 22 setzt sich beherzt für ältere Menschen im Kiez ein und unterstützt sie dabei, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Unter anderem bietet er Senior*innen praktische Unterstützung im Alltag an und lädt regelmäßig zu gemeinsamen Aktivitäten wie Kochen, Kaffeekränzchen oder Frühstückstreffen in der kiezoffenen Begegnungsstätte ein. Wir haben Bewohnende bei Kaffee und Kuchen besucht, um ihre Perspektive auf das Zentrum Karl-Marx-Straße einzufangen.
Gleich zu Beginn unseres Gesprächs erfahren wir, dass viele der Bewohnenden erst im hohen Alter nach Neukölln gezogen sind. Dennoch erinnern sich so manche daran, wie es hier einst war. So wurden früher beispielsweise noch Lebensmittel vor den Hauseingängen verkauft. Ebenso erinnert man sich an kleine Boutiquen, traditionsreiche Fachgeschäfte und große Kaufhäuser wie das Hertie. „Die Karl-Marx-Straße war der Ku’damm von Neukölln“, so eine Bewohnerin.
Zu Besuch in der kiezoffenen Begegnungsstätte
Im Vergleich zu früher hat sich jedoch nicht nur der Stadtraum verändert, sondern selbstverständlich auch die Art und Weise, wie unsere Gesprächspartner*innen den öffentlichen Raum über die Jahre hinweg nutzen. So sind zum Beispiel die Wege kürzer geworden und der Wunsch nach Sitzgelegenheiten ist gestiegen. Vor allem die Baustelle in der Karl-Marx-Straße stellt für viele eine Belastung dar. Für einige Bewohnende ist sie mit Umwegen verbunden, da die provisorischen Wege häufig zu schmal sind. Deshalb weichen sie lieber auf die umliegenden Straßen aus, in denen nicht gebaut wird. Doch auch das Kopfsteinpflaster und die vielerorts zu hohen Bordsteinkanten stellen oft ein Hindernis dar. Viele freuen sich über die bereits fertiggestellten Bauabschnitte, in denen die Gehwege nun breiter sind. Allerdings werden noch immer Sitzgelegenheiten vermisst. Diese wünschen sich unsere Gesprächspartner*innen vor allem auch an den derzeitigen Ersatzhaltestellen.
Stadtbad Neukölln (Foto: Andreas Labes)
Im Kiez gibt es aber auch vieles, was geschätzt wird. So wird der Comenius-Garten in der Richardstraße als versteckte Oase beschrieben, in der man von dem bunten Treiben auf der Karl-Marx-Straße eine Auszeit nehmen kann. Auch nahegelegene Parkanlagen wie die Hasenheide, die Thomashöhe und der Körnerpark werden als attraktive Erholungsorte genannt. Gerne genutzt wird zudem das Stadtbad in der Ganghoferstraße – vor allem morgens, wenn es ruhiger ist. Die Wochenmärkte am Karl-Marx-Platz sowie am Hermannplatz finden ebenfalls regen Zuspruch bei den Senior*innen. Hier überzeugt das hervorragende Angebot an regionalem Obst und Gemüse. Generell wird die Lebensmittelversorgung vor Ort als sehr gut empfunden. Darüber hinaus gibt es entlang der Karl-Marx-Straße zahlreiche Arztpraxen, die fußläufig gut erreichbar sind.
Comenius-Garten
Auch für die Senior*innen sind die Neukölln Arcaden ein wichtiger Bezugspunkt. Besonders geschätzt wird die Helene-Nathan-Bibliothek und ihre Weiterbildungsangebote. So berichtet eine 74-jährige Bewohnerin, dass sie bereits eine kostenlose Schulung zum Umgang mit Smartphones besucht hat. Auch die Möglichkeit, kostenlos PCs nutzen zu können, wird gerne in Anspruch genommen. Eine andere Bewohnerin wiederum genießt besonders gerne den Blick von oben auf das Zentrum und die Stadt. Mit Familienmitgliedern besucht sie deshalb ab und an den Klunkerkranich. Gespannt blickt sie auch dem KALLE Neukölln und der dort entstehenden Dachterrasse entgegen. Sie hofft, dass das Gebäude ein Treffpunkt für die ganze Familie wird, auch wenn sie sich ein wenig Sorgen vor den Preisen macht. Wird der Kaffee dort für sie leistbar sein?
Klunkerkranich (Foto: Julian Nelken, Klunkerkranich)
Was wünschen sich die Bewohnenden der Seniorenwohnanlage für die Zukunft? Neben der Fertigstellung der Baumaßnahmen würden sie sich über mehr Mülleimer und eine regelmäßigere Abfallentsorgung freuen. Darüber hinaus würden sie es begrüßen, wenn Tausch- und Sperrmüllmärkte noch bekannter gemacht würden. Denn in den letzten Jahren präge Müll zunehmend das Bild der Karl-Marx-Straße. Dies beeinträchtige nicht nur das Erscheinungsbild des Zentrums, sondern erschwere auch das Zufußgehen – insbesondere mit dem Rollator.
Markt auf dem Karl-Marx-Platz (Foto: Susanne Tessa Müller)
Während unseres Gesprächs lernen wir auch eine Seniorin kennen, die lediglich in der Anlage wohnt und ihre Zeit größtenteils andernorts verbringt. Sie erzählt uns, dass sie viel mit dem Auto pendelt und sich daher in Neukölln nicht allzu gut auskennt. Eines macht sie im Zentrum Karl-Marx-Straße aber besonders gerne: Kebap essen – der schmecke hier nämlich am besten.
Carolina Crijns und Christoph Lentwojt, raumscript
Im Blickpunkt
Die 15. Ausgabe des BROADWAY erzählt unter dem Titel „Blicke“ die Geschichten und Perspektiven einiger Menschen und Einrichtungen auf das Zentrum Karl-Marx-Straße. Sie zeigt, wie jene, die hier leben, wirken und arbeiten, die Straße tagtäglich mitgestalten und sie so zu einem lebendigen und einzigartigen Ort machen. Wir sprechen mit unterschiedlichen Akteur*innen, fangen die Sichtweisen von Kindern, Jugendlichen und Senior*innen ein und gewähren spannende Einblicke in die vielfältigen Lebensrealitäten entlang der Karl-Marx-Straße und in den angrenzenden Kiezen.
Stand Oktober 2024
Im Blickpunkt
Shoppen, Schlemmen, Staunen. Entlang der Karl-Marx-Straße reihen sich eine Vielzahl von Geschäften, Restaurants, Kultureinrichtungen und vieles mehr mit originellen Konzepten. Einige Betriebe, darunter das Passage Kino, prägen das Bild der Straße bereits seit vielen Jahren. Andere, wie Rough Trade Berlin, bereichern erst seit kurzem das Angebot vor Ort. Warum sich ein Besuch in der Karl-Marx-Straße jederzeit lohnt? Weil es immer wieder Neues zu entdecken gibt!
Snipes
Karl-Marx-Straße 97-99
12043 Berlin
www.snipes.com
Buchung des Studio44: studio44.dmdr.io
Snipes in der Alten Post
Im September 2023 eröffnete SNIPES, einer der führenden Sneaker- und Streetwear-Anbieter in Europa und den USA, in der Karl-Marx-Straße 97–99 seinen 400. Store in Europa. In der Alten Post gelegen, verfolgt SNIPES ein außergewöhnliches Konzept – getreu seinem Motto „More than a retailer“. Einzigartig ist nicht nur die Gestaltung des Stores, welche auf originelle Weise den historischen Bau mit Elementen der Streetculture verbindet – zum Beispiel mit einer Kasse, die an einen Spätkauf erinnert, und dem großflächigen Artwork der lokalen Graffiti-Crew „1UP” im Eingangsbereich. Auch das Angebot ist etwas Besonderes. Denn: SNIPES ist am Standort Karl-Marx-Straße Verkaufsraum und Ton- und Tanzstudio in einem!
Mit dem Community Space „Studio44“ verfügt der Store über ein hochprofessionelles Ton- und Tanzstudio, das selbst von bekannten Künstler*innen regelmäßig genutzt wird. In erster Linie wurde das Studio44 jedoch für soziale Einrichtungen, Schulen, Musik- und Tanzschulen sowie zur Förderung lokaler Talente geschaffen. Damit ist es ein Ort des gegenseitigen Austauschs, der Kunst und der Kultur. Die Nutzung ist kostenlos, die Buchung erfolgt bequem über die Internetseite.
Tanzstudio, Studio44 (Foto: Snipes)
Die Inspiration für dieses Pionierprojekt im deutschen Einzelhandel stammt aus den Vereinigten Staaten. Dort haben es sich Unternehmen wie SNIPES schon länger zur Aufgabe gemacht, sich in der direkten Nachbarschaft zu engagieren. Im Zentrum Karl-Marx-Straße organisierte SNIPES beispielsweise bereits gemeinsam mit dem gemeinnützigen Träger Outreach das „Blockart Festival“, das neben Getränken, Speisen, Nail Art und Barbern unter anderem auch Live-Musik bot. Ebenfalls in Zusammenarbeit mit Outreach richtete SNIPES zudem ein Fußballturnier aus, bei dem junge Frauen und Männer aus Neukölln in Zweierteams gegeneinander antreten konnten.
Es wird deutlich: Mit seinem „Community First“-Ansatz verknüpft SNIPES eindrucksvoll Einzelhandel, Nachbarschaft und Kultur in der Karl-Marx-Straße in Neukölln – mit dem Rest der Welt.
Christoph Lentwojt, raumscript
Rough Trade Berlin
Karl-Marx-Straße 101
12043 Berlin
www.roughtrade.com
Rough Trade Berlin in der Karl-Marx-Straße (Foto: Rough Trade)
Dass die Neuköllner Geräuschkulisse vielfältig und laut ist, dürfte über die Grenzen Berlins hinaus bekannt sein. Dass diese nun auch mit Musik „aus der Rille“ – von Jazz bis Indie Rock – bereichert wird, womöglich noch nicht. Denn seit April hat in der Karl-Marx-Straße 101 die erste deutsche Filiale des Londoner Schallplattenladens Rough Trade geöffnet.
Was bewegt jemanden, in Zeiten des längst digital gewordenen Musikvertriebs einen Laden für analoge Schallplatten aufzumachen? Geschäftsführer Curt Keplin ist überzeugt: Viele kaufen Schallplatten, auch ohne einen Plattenspieler zu besitzen. Darüber hinaus hat Rough Trade ein einzigartiges Geschäftsmodell entwickelt, nämlich die Kombination aus Retail und Veranstaltungen. Und dieses einzigartige Konzept findet Anklang! Im Rahmen sogenannter „In-Store-Events” treten Künstler*innen zur Bewerbung eines neuen Albums, meist in Kombination mit einer Autogrammstunde, direkt im Laden auf. Die Tickets dafür sind gratis. Größere Konzerte hingegen finden bei den „Out-Store-Events” (in Kooperation mit dem Anbieter DICE) statt – hier erhält man die Konzertkarte beim Kauf des neu veröffentlichten Albums. Veranstaltungsorte sind die Clubs im umliegenden Kiez, also kleine, intime Räumlichkeiten mit Kapazitäten zwischen 300 und 500 Personen – und das selbst bei großen Namen. Darüber hinaus findet man bei Rough Trade neben Tonträgern auch Bücher, Merchandise, einen eigens für Rough Trade entwickelten Plattenspieler, Soundanlagen, einen Fotoautomaten für analoge Passfotos mit Rough-Trade-Prägung und eine Bar mit Kaffee und Craft Bier von lokalen Akteuren wie Five Elephant und Heidenpeters.
Seit Mitte Juli gibt es an ausgewählten Nachmittagen außerdem DJ-Sets sowie die Afterwork „Aperetivo Sessions“. Auch ein Außenbereich ist in Planung.
Was erhofft sich Curt Keplin für den Neuköllner Standort? Einzigartige Events sowie Einkaufserlebnisse zu ermöglichen und einen Beitrag zur Berliner Kultur- und Musiklandschaft zu leisten. Mag der Blick in die Zukunft heutzutage unsicher erscheinen, steht eines jedoch fest: Mit Rough Trade Berlin geht es in der Karl-Marx-Straße nun noch musikalischer zu.
Carolina Crijns, raumscript
Passage Kino
Karl-Marx-Str. 131
12043 Berlin
www.yorck.de/kinos/passage
Passage Kino (Foto: Daniel Horn)
Mit seiner über 100-jährigen Geschichte gehört das Passage Kino in Neukölln zu den traditionsreichsten und schönsten Kinos der Stadt. Geleitet wird es von Janna Lihl, die selbst freie Produzentin ist und Bewegtbildforschung studiert hat.
Eröffnet im Jahr 1910 unter dem Namen „Excelsior“, war das Kino ursprünglich als Theater- und Filmspielstätte gedacht. Nach zwei Weltkriegen und einer Zeit als Möbellager in den 1960er-Jahren wurde es 1989 von der Yorck Kinogruppe wiederbelebt. Heute strahlt der denkmalgeschützte Kinosaal 1 mit goldenem Stuck und rotem Samt in alter Pracht, während drei weitere moderne Säle hinzugekommen sind. Seit der Renovierung 2021, konzipiert von den renommierten Batek Architekten, ergänzt ein stilvolles Foyer mit Café das Kinoerlebnis.
Besonders zeichnet sich das Passage Kino nicht nur durch seine beeindruckende Architektur aus, sondern auch durch das sorgfältig kuratierte Filmprogramm und die vielseitigen Veranstaltungen. Die wöchentliche „Sneak Preview“ am Dienstag bietet Filmfans spannende Überraschungen mit Vorpremieren, die entweder englisch untertitelt sind oder, bei englischsprachigen Filmen, mit deutschen Untertiteln gezeigt werden. Einmal im Monat begeistert „Cine en Español“ mit spanischsprachigen Filmvorführungen und anschließenden Gesprächen bei einem gemütlichen Umtrunk. Diese Events ziehen nicht nur Kinoliebhaber*innen aus der Nachbarschaft an, sondern auch weit über die Bezirksgrenzen hinaus. Zukünftige Projekte mit Neuköllner Kulturschaffenden sind bereits in Planung und unterstreichen die enge Verbindung des Passage Kinos mit der lokalen Kulturszene.
Die Lage an der belebten Karl-Marx-Straße bringt dem Kino viele Besuchende. Die Passant*innen, die durch die Passage von der Karl-Marx- zur Richardstraße flanieren, bleiben oft stehen, um sich das aktuelle Programm anzusehen. So schafft das Passage Kino eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne, zwischen lokalem Flair und überregionaler Anziehungskraft – ein kultureller Ankerpunkt in Neukölln, der Kino zu einem besonderen Erlebnis macht.
Marius Peix, Citymanagement
CANK
Karl-Marx-Straße 95
12043 Berlin
www.cank.berlin
www.bechstein-network.com/cank
CANK im ehemaligen C&A-Gebäude (Foto: BECHSTEIN NETWORK)
Das ehemalige C&A-Gebäude kann viele Geschichten erzählen: 1953 errichtet, diente es bis 2012 als C&A-Kaufhaus, von 2015 bis 2018 als Flüchtlingsunterkunft, davor und danach stand es jedoch jahrelang leer. Das Gebäude in prominenter Lage schien zu verfallen, seine Zukunft ungewiss. Nicht nur diverse Nachnutzungen wurden diskutiert, sondern sogar ein möglicher Abriss. Doch der Leerstand hat, seit November 2023 und bis zumindest 2028, ein Ende: Denn es gibt endlich wieder eine neue Zwischennutzung. Aus C&A in Neukölln wird CANK.
Hinter dem Projekt steht die Location- und Eventagentur BECHSTEIN NETWORK aus Berlin. Neben dem CANK in der Karl-Marx-Straße 95 betreibt die Agentur auch die Wilhelm Studios in Reinickendorf (ehemalige Eisengießerei), das Prince Charles in Kreuzberg (heute Club, früher Schwimmbad), das Brixen in Zehlendorf (altes Bahnhofsgebäude) und viele weitere Veranstaltungsorte. Mit der Bespielung ungewöhnlicher Räumlichkeiten kennt BECHSTEIN NETWORK sich also aus. Was aber ist für das CANK geplant?
Inside-Out: Blick aus dem CANK auf die Karl-Marx-Straße (Foto: BECHSTEIN NETWORK)
Bei einem Gebäude, das sich über fünf Geschosse und eine Fläche von 10.000 Quadratmeter erstreckt, ist das gar nicht so einfach. Vor allem dann, wenn das Konzept nicht nur tragfähig sein soll, sondern man damit auch das Flair des Bezirks aufgreifen möchte. Mit anderen Worten: neben spannender Eventlocation soll hier ein Ort für Kunst und Kultur entstehen, an dem auch Konzerte, Stand-up-Comedy und Subkultur stattfinden können. Diese Nutzungen sind vor allem im Erdgeschoss und in der ersten Etage vorgesehen – dort wechseln sich öffentlich zugängliche und geschlossene Veranstaltungen somit ab. So öffnete sich das Gebäude dem Kiez in diesem Jahr bereits im Rahmen von 48 Stunden Neukölln, der Berlin Art Week sowie dem Fußballturnier, das in Kooperation zwischen SNIPES und Outreach entstand (siehe auch S. 17). Worüber man sich in diesem Jahr außerdem noch freuen kann: den Nowkoelln Flowmarkt, denn der zieht über die Wintermonate ins CANK.
Während das Erdgeschoss und die erste Etage eventbezogen bespielt werden, sollen in der zweiten Etage langfristig und der Öffentlichkeit durchgehend zugängliche Ausstellungen zu sehen sein. Mit „Art of the Brick“ steht die erste auch schon fest: Von Oktober 2024 bis März 2025 können Besuchende in die immersive Welt von LEGO eintauchen. Damit kommt die Wanderausstellung nach vielen namhaften Städten nicht nur nach Berlin, sondern das Gebäude ist nach langer Zeit auch wieder regelmäßig besuchbar.
Für das dritte Geschoss gibt es Ideen für verschiedene Nutzungen, wie zum Beispiel Ateliers, Fotostudios oder Büros. Für das vierte und oberste Geschoss hingegen ist die Ausgestaltung noch offen. Dort fanden jedoch bereits Runways im Rahmen der Berliner Fashion Week im Frühjahr 2024 statt.
Schien das Gebäude vor nicht allzu langer Zeit völlig aus der Mode gekommen zu sein, könnte man nun fast meinen, mit dem neuen Nutzungskonzept ein Vintage-Produkt mit Upcycling-Effekt geschaffen zu haben. Denn durch die neue Zwischennutzung erfährt nicht nur das Gebäude selbst eine enorme Aufwertung, sondern auch das Zentrum Karl-Marx-Straße – mit Impulsen für die gesamte Stadt.
Welche Geschichte das CANK am Ende geschrieben haben soll? Nun, laut Fabian Braunbeck von BECHSTEIN NETWORK, die beste, die das Gebäude je hatte. Was man sich in Zukunft über das einstige Kaufhaus erzählen wird, lässt sich heute noch nicht erahnen. Fest steht, dass dessen Geschichte mit dem Einzug von CANK immerhin endlich wieder fortgeschrieben wird.
Carolina Crijns, raumscript
Geschichten aus und für Neukölln
Die 15. Ausgabe des BROADWAY erzählt unter dem Titel „Blicke“ die Geschichten und Perspektiven einiger Menschen und Einrichtungen auf das Zentrum Karl-Marx-Straße. Sie zeigt, wie jene, die hier leben, wirken und arbeiten, die Straße tagtäglich mitgestalten und sie so zu einem lebendigen und einzigartigen Ort machen. Wir sprechen mit unterschiedlichen Akteur*innen, fangen die Sichtweisen von Kindern, Jugendlichen und Senior*innen ein und gewähren spannende Einblicke in die vielfältigen Lebensrealitäten entlang der Karl-Marx-Straße und in den angrenzenden Kiezen.
Stand Oktober 2024
Geschichten aus und für Neukölln
Die Neuköllner Oper ist Schauplatz einzigartiger Erzählungen und fasziniert Besuchende aller Altersstufen aus Berlin, Deutschland und der ganzen Welt. Als führendes Produktionshaus für neues Musiktheater prägt sie das Bild der Karl-Marx-Straße entscheidend mit und ist aus ihr nicht mehr wegzudenken. Grund genug, von Andreas Altenhof, Mitglied des dreiköpfigen Direktoriums und Leiter der Kommunikation, mehr über das Opernhaus und dessen Sicht auf das Zentrum Karl-Marx-Straße zu erfahren.
Die Neuköllner Oper ermöglicht mit ihrer einzigartigen Bühnenkonstruktion ein hautnahes Theatererlebnis – ohne die übliche Trennung von Bühne und Publikum durch einen Orchestergraben wie in anderen Opernhäusern (Foto: Philipp Plum)
Herr Altenhof, was unterscheidet die Neuköllner Oper von anderen Kultureinrichtungen entlang und abseits der Karl-Marx-Straße?
Uns war es schon immer ein besonderes Anliegen, Neukölln und speziell die Karl-Marx-Straße in unsere Produktionen einzubeziehen und dem Publikum näherzubringen. Damit heben wir uns auch von anderen Opernhäusern ab. Während andernorts klassische und bekannte Stücke gespielt werden, greifen wir Geschichten, Stimmungen sowie aktuelle Ereignisse und Herausforderungen aus dem Kiez, der Stadt und der Gesellschaft auf und bringen diese auf die Bühne. Eine meiner Aufgaben ist es daher, mit den Menschen, die hier leben und arbeiten, in den Austausch zu treten und mir ein Bild von all dem zu machen. Als die Neuköllner Oper 1988 nach Neukölln kam, und dann auch noch hier in die Karl-Marx-Straße, dachten wohl viele: ‚Eine Oper? Das ist das Letzte, was Neukölln braucht.‘ Als die Menschen jedoch erkannten, wie wir mit unserer Arbeit und Herangehensweise das Zusammenleben und den Stadtraum bereichern, änderte sich diese Haltung schnell. Sie verstanden, dass wir kein konventionelles Opernhaus sind, sondern Themen aufgreifen, die uns direkt vor der Haustür begegnen.
Was macht für Sie als Kulturhaus das Zentrum Karl-Marx-Straße so attraktiv?
Die Karl-Marx-Straße war schon immer eine bedeutende Magistrale in Neukölln. Und das ist sie auch heute noch. Besonders schätzen wir die reizvolle Lage. Die Passage, in der wir unsere Räume haben, verbindet nicht nur die Karl-Marx-Straße mit der Richardstraße, sondern auch mit dem alten Ortskern von Neukölln, Rixdorf. Doch nicht nur heute, sondern auch schon damals hatte dieser Standort seinen Reiz. So war die Karl-Marx-Straße, als wir hierher zogen, stark von Leerstand geprägt. All die ungenutzten Flächen boten uns aus künstlerischer Sicht ungeahnte Potenziale zur Bespielung. Heute zeigt sich die Karl-Marx-Straße in einem völlig neuen Licht. Die vielen neuen Gebäude und Nutzungen bringen eine außergewöhnliche Dynamik und Vielfalt in den Kiez. Davon profitieren auch wir. Darüber hinaus ist die Karl-Marx-Straße neben der Sonnenallee nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsstandort in und für Neukölln, sondern eben auch ein bedeutsamer Kulturraum.
Klangvolles Miteinander beim Passagenfest (Foto: Matthias Heyde)
Wie öffnet sich Ihr Haus zur Karl-Marx-Straße?
Unser Ziel war und ist es, möglichst viele Gruppen zu erreichen. Wie? In unseren Stücken erzählen wir nicht nur die Geschichten einzelner Communities, sondern arbeiten auch direkt mit Menschen aus den jeweiligen Gemeinschaften auf der Bühne zusammen. Doch auch die Kommunikation und Interaktion mit unseren Gästen – immer stärker auch über Social Media – spielt für uns eine wichtige Rolle, ebenso wie der Aspekt der Zugänglichkeit. Mit Hilfe einer von uns in Auftrag gegebenen App können Gäste beispielsweise unseren Aufführungen auch dann folgen, wenn sie der jeweiligen Sprache nicht oder nur eingeschränkt mächtig sind. Darüber hinaus sind wir Mitglied im Kulturnetzwerk Neukölln und pflegen eine enge Zusammenarbeit mit anderen Kultureinrichtungen und Akteur*innen hier im Gebiet. So haben wir beispielsweise 2014 den „Marsch der Vielfalt“ ins Leben gerufen und gemeinsam mit vielen anderen ein Zeichen für Toleranz und Respekt gesetzt. Im Rahmen der Aktion „Urban Stories“ wiederum veranstalteten wir Workshops zu Schauspiel, Musik, Tanz und Text, bei denen die Straßen Neuköllns zur Bühne für Jugendliche aus der Nachbarschaft wurden.
Der „Marsch der Vielfalt“ für mehr Toleranz und Respekt (Foto: Florian Büttner)
Wie hat sich aus Sicht Ihres Hauses das Zentrum Karl-Marx-Straße in den letzten Jahren gewandelt?
Erfreulich ist, dass sich entlang der Karl-Marx-Straße viele verschiedene Institutionen angesiedelt haben – vor allem rund um das Kindl-Areal und im Bereich zwischen den Neukölln Arcaden und dem Karl-Marx-Platz. Dem gegenüber stehen die zum Teil sehr hohen Mieten, die dazu führen, dass inhabergeführte Läden zunehmend von Filialketten verdrängt werden, die häufig wenig Interesse an einer gemeinsamen Entwicklung der Straße haben. Ich würde mich freuen, wenn es gelingen würde, Kunst im öffentlichen Raum dauerhaft zu verankern und mehr Raum für Miteinander statt Gegeneinander zu schaffen.
Interview: Christoph Lentwojt, raumscript
Andreas Altenhof, Mitglied im Direktorium (Foto: Clara Fandel)
Ansprechpartner
Bezirksamt Neukölln
Stadtentwicklungsamt
Fachbereich Stadtplanung
Karl-Marx-Straße 83, 12040 Berlin
Tel.: 030 – 90 239 2153
stadtplanung(at)bezirksamt-neukoelln.de
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen IV C 32
Anke Heutling
Württembergische Straße 6-7, 10707 Berlin
Tel.: 030 – 90 173 4914
anke.heutling(at)senstadt.berlin.de
BSG Brandenburgische
Stadterneuerungsgesellschaft mbH
Sanierungsbeauftragte des Landes Berlin
Karl-Marx-Straße 117 , 12043 Berlin
Tel.: 030 – 685 987 71
kms(at)bsgmbh.com
Lenkungsgruppe
der [Aktion! Karl-Marx-Straße]
lenkungsgruppe(at)aktion-kms.de
Citymanagement
der [Aktion! Karl-Marx-Straße]
Richardstraße 5, 12043 Berlin
Tel.: 030 – 22 197 293
cm(at)aktion-kms.de





































