Street Art und Graffiti im Zentrum Karl-Marx-Straße
Wie unterschiedlich Graffiti bewertet wird, zeigt sich besonders anschaulich an der Kindl-Treppe. Ursprünglich war hier die Vorstellung, dass eine aufwändige grafische Gestaltung, ergänzt durch von Kindern bemalte Elemente, vor weiteren Bemalungen durch Fremde schützen würde. Doch diese Erwartung erfüllte sich nicht. Die Flächen wurden nach und nach von Tags und Schriftzügen überdeckt. Für die einen ist die Kindl-Treppe dadurch ein Sinnbild für mangelnde Instandhaltung und Sachbeschädigung geworden. Andere wiederum finden, dass die Treppe dadurch authentischer wirkt, gerade an einem Ort, an dem Kunst- und Kreativangebote stattfinden. Interessant ist dabei aber auch eine Perspektive aus der Szene selbst: Legale Wandgestaltungen gelten vielen „Writern“ (Schreiberinnen und Schreibern) als weniger respektabel und werden daher bewusst übermalt. Am Beispiel der Kindl-Treppe zeigt sich also, was den Stadtraum insgesamt prägt: Unterschiedliche Ausdrucksformen überlagern sich, konkurrieren miteinander und entwickeln sich stets weiter. Die Form des „Crossens“, also des Übermalens, kann dabei eine bewusste Form der Interaktion darstellen. Ob man sich an die ungeschriebenen Gesetze, „Wer malt wo? Wer ‚crossed‘ wen?“, hält oder nicht, ist somit also eine bewusste Entscheidung, die nicht selten mit Reviermarkierungen und szeneinternem Ruhm, auch „Fame“ genannt, einhergeht. Zudem geht aus der Szene hervor, dass legale Wände allein illegale Graffitis nicht unterbinden. Dazu braucht es laut der „Graffiti Lobby Berlin“ einen aktiven Dialog zwischen Sprayenden und Eigentümerinnen und Eigentümern. Die Reibung müsste also als Anlass zum Dialog genommen werden.