„Potenzial lokal“ heißt das Oberthema der 13. Ausgabe des Magazins BROADWAY Neukölln. Im zweiten Jahr der Pandemie war es dem Redaktionsteam besonders wichtig, einige der besonderen und vielfältigen Potenziale des Zentrums Neukölln ins Blickfeld zu rücken. Diese Potenziale sind es, die Kraft und Anziehungskraft entfalten, sich abheben und damit besondere Angebote für die Menschen hier und die Gäste des Zentrums Karl-Marx-Straße machen.

Stand Dezember 2021

Die Welt in Neukölln

Das Zentrum Karl-Marx-Straße ist die Heimat für viele Kulturen. Die multikulturelle Atmosphäre zieht Gäste und die Nachbarschaft gleichermaßen an, macht ihnen Angebote und strahlt zurück in die Welt. Ein herausragendes lokales Potenzial, wie die nachfolgenden Porträts deutlich machen.

Grillhaus Örnek Lahmacun
Karl-Marx-Straße 123

2019 hat das Grillhaus Örnek Lahmacun in der Karl-Marx-Straße 109 seine Türen geöffnet. Der Geschäftsinhaber Mehmet Özkan – als Kind aus der Türkei nach Deutschland gekommen – hat bereits früher in Neukölln gelebt und gearbeitet. Als die Idee des Grillhauses stand, war für ihn schnell klar, dass die „Hauptstraße Neuköllns“ der Standort seines Geschäftes werden muss: „Wo sonst!?“.

Geschäftsinhaber Mehmet Özkan (rechts im Bild) mit einem Mitarbeiter, © Tania Salas, raumscript

Nach einer Weile im Lokal sitzend offenbart sich einem das vielfältige Publikum, das ein- und ausgeht – alle von der anatolischen Küche angelockt. So zählen u. a. Menschen mit arabischen, osteuropäischen und asiatischen Wurzeln zu seiner treuen Kundschaft. Auf der Karte stehen allerlei traditionelle Gerichte wie bspw. Rote Linsensuppe, Pansen- und Lammkopfsuppe sowie der Kichererbsenteller. Zu den Köstlichkeiten vom Grill gehören z. B. der Lamm- und der Leberspieß. Am häufigsten wird jedoch das berühmte Lahmacun (türkische Pizza) bestellt.

Im kleinen Familienzimmer, in dem früher geraucht wurde, treffen sich heute überwiegend junge Mütter mit ihren Kindern. Ebenso werden in dem Raum besondere Anlässe wie bspw. Geburtstage gefeiert. Das Familienzimmer und die weiteren 50 Sitzplätze des Grillhauses standen allerdings zum Höhepunkt der Corona-Pandemie leer – für Mehmet Özkan die „schlimmste Zeit“. Er suchte nach Wegen, das Geschäft am Laufen zu halten und die pandemische Zeit finanziell zu überleben. Es entstand eine Kooperation mit einem Lieferdienst, die weiterhin besteht – auch wenn die Gäste inzwischen wieder an den Tischen essen dürfen.

www.oerneklahmacungrillhaus.de

Jemenitisches Restaurant
Karl-Marx-Straße 172

Wahrscheinlich haben Sie schon einmal von den bis zu neun Etagen hohen Lehmhochhäusern im Jemen gehört. Können Sie aber etwas mit der jemenitischen Küche verbinden? Diese Küche hat sowohl arabische als auch indische Einflüsse. Auch wenn sie noch nicht offiziell zum Weltkulturerbe gehört, ist sie trotzdem einzigartig. Und: Sie können sie an der Karl-Marx-Straße in einer sehr familiären Atmosphäre genießen. Sie haben zur Auswahl viele verschiedene traditionell zubereitete Fleischgerichte aus allen Regionen des Jemen, Ratib-Brot mit Ghee-Öl und Schwarzkümmel sowie viele verschiedene vegetarische Eintopfgerichte.

Restaurantbetreiber Abdulrahman Hamood, © Tania Salas, raumscript

Der Restaurantbetreiber Abdulrahman Hamood kam 2003 zum Studieren nach Deutschland – und blieb. In seiner Freizeit begann er sich mit der traditionellen Zubereitung von Mandy-Lamm zu beschäftigen. Der IT-Spezialist baute in seinem Garten einen unterirdischen Steinofen und probierte allerlei Gerichte aus seiner Heimat aus. In Berlin gab es bis dahin kein Restaurant, das jemenitische Küche anbot. Er entschloss sich, seine neu entwickelte Leidenschaft auch beruflich auszuleben. Der Neuköllner Standort war schnell gefunden. Das Restaurant hat Abdulrahman Hamood selbst mitgestaltet. Die größte Hürde war es allerdings, in der jemenitischen Küche spezialisiertes Personal zu finden  – die ersten vier Köche standen dann nach über einem Jahr Suche wie ein Geschenk einfach vor der Tür.

Die Eröffnung des Restaurants 2019 war ein großer Erfolg. Schnell hatte es sich herumgesprochen und mittlerweile kommen viele neugierige Gäste mit verschiedenen kulturellen Hintergründen aus der Umgebung und anderen Stadtteilen ins Restaurant. Dank einer schnellen Anpassung und der Nutzung von Lieferdiensten konnte das Restaurant auch die bisherige Corona-Pandemie überleben.

www.jemenrestaurant.de

Die deutSCHule
Karl-Marx-Straße 107

Die deutSCHule holt die Welt nach Neukölln und transportiert Neukölln in die Welt. Das Angebot der Sprachschule richtet sich an junge Menschen aus aller Welt, die ein Studium im deutschsprachigen Raum beabsichtigen, aber auch das spezielle Berliner Flair miterleben möchten, erläutern Johannes Boßhammer und Franziska Schmidt. Mit dem Ziel, eine etwas andere Sprachschule zu werden, wurde die deutSCHule vor zehn Jahren gegründet und zog in das ehemalige Bankgebäude am Alfred-Scholz-Platz ein. Seitdem wächst die Schule mit dem Stadtteil mit.

Johannes Boßhammer und Franziska Schmidt, © Tania Salas, raumscript

Die Schule beschäftigt sich seit 2017 auch verstärkt mit gesellschaftspolitischen Themen, positioniert sich klar als antirassistisch und feministisch und möchte einen sicheren Raum für queere Lebensweisen und für das Anderssein bieten. Mit der Nachbarschaft bestehen einige Kooperationen, die die Inhalte der Sprachkurse sehr bereichern, u. a. mit verschiedenen Fachgeschäften oder mit religiösen Einrichtungen wie der Neuköllner Dar as-Salam-Moschee. Im akademischen Bildungsbereich kooperiert die deutSCHule u. a. mit der Humboldt-Universität zu Berlin im Rahmen des Zertifikatsstudiums „Deutsch im Mehrsprachigkeitskontext“. Kunstgenuss ist ein weiteres Anliegen der Sprachschule. Kunstschaffende Schülerinnen und Schüler und Ehemalige können ihre Kunst für ein halbes Jahr in den Räumlichkeiten der Schule ausstellen. Ihre Werke regen immer wieder zum Nachdenken an.

Die Herausforderungen der Corona-Pandemie waren für die deutSCHule hauptsächlich eine große Chance. Mit dem neu geschaffenen Online-Angebot werden nun Menschen überall auf der Welt erreicht – Menschen, die bereits in ihren Heimatländern nicht nur die deutsche Sprache erlernen, sondern auch ein reales Bild vom Leben in Deutschland und speziell von Neukölln vermittelt bekommen wollen.

www.die-deutschule.de

Texte: Tania Salas, raumscript