„Potenzial lokal“ heißt das Oberthema der 13. Ausgabe des Magazins BROADWAY Neukölln. Im zweiten Jahr der Pandemie war es dem Redaktionsteam besonders wichtig, einige der besonderen und vielfältigen Potenziale des Zentrums Neukölln ins Blickfeld zu rücken. Diese Potenziale sind es, die Kraft und Anziehungskraft entfalten, sich abheben und damit besondere Angebote für die Menschen hier und die Gäste des Zentrums Karl-Marx-Straße machen.

Stand Dezember 2021

Gesundheitsstandort Karl-Marx-Straße

Neben dem Einzelhandel, der Gastronomie und den Kulturstandorten sind die Gesundheitseinrichtungen ein prägender Bestandteil der Angebote im Zentrum Karl-Marx-Straße und damit ein großes lokales Potenzial. Ein Blick auf die Standort-Karte macht diese Vielzahl und Vielfalt schnell deutlich.

Die Gesundheitseinrichtungen ballen sich besonders an Standorten der vorhandenen Ärztehäuser entlang der Karl-Marx-Straße. Aber auch abseits davon finden sich hier viele Einrichtungen des Gesundheitssektors. Hierzu zählen neben einzelnen Arztpraxen auch Apotheken und sonstige Gesundheitsdienstleistungen, wie Beratungsstellen oder Pflegeeinrichtungen. Um die Herausforderungen und Potenziale des Gesundheitsstandorts Karl-Marx-Straße für die weitere Entwicklung des Sanierungsverfahrens zu beleuchten, fand am 8. September 2021 im Rahmen des „Treffens der [Aktion! Karl-Marx-Straße]“ eine Podiumsdiskussion mit Akteuren aus unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern des Gesundheitssektors statt.

Auf die Anforderungen bei der Verteilung und Niederlassung von Arztpraxen ging Dr. Sebastian Schwintek von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin ein. Das Niederlassungsverfahren für die Vertragsärzte und -ärztinnen der Kassenärztlichen Vereinigung folgt einer festgelegten Bedarfsplanung, die allerdings auf ganz Berlin ausgerichtet ist. Daraus ergibt sich für die gesamte Stadt ein Versorgungsgrad von über 110 Prozent. In der Folge wurden im „Zulassungsbezirk“ Berlin für die einzelnen Arztgruppen fast durchgängig Zulassungsbeschränkungen angeordnet. Auch die Versorgung in Neukölln wird überwiegend als gut eingeschätzt. Hiervon ausgenommen ist jedoch die fachärztliche Versorgung durch Kinder- und Jugendärzte, Augenärzte, Gynäkologen und Dermatologen. In diesen Bereichen liegt eine Unterversorgung vor. Neuzulassungen oder Nachbesetzungen von Arztpraxen stehen derzeit oft vor dem Problem, dass Einrichtung und Ausstattung der vorhandenen Räumlichkeiten nicht den Anforderungen moderner Arztpraxen entsprechen. Hier wäre es wichtig, dass Eigentümerinnen und Eigentümer stärker die Bedürfnisse der Ärzte­schaft und weiterer Gesundheitseinrichtungen in den Blick nehmen.

Die Storch-Apotheke Ganghofer- / Richardstraße, © Bergsee, blau

Dr. Rainer Gebhardt konnte als langjährig praktizierender Facharzt an der Karl-Marx-Straße einen Einblick in den Praxis­alltag in Nord-Neukölln geben. Er hob die gute Zusammenarbeit der Ärzteschaft bzw. der Facharztpraxen in Neukölln hervor – ein großer Wert und Standortfaktor für die Karl-Marx-Straße. Dies wird auch durch den aktuell verstärkten Zuzug jüngerer Ärztinnen und Ärzte bestätigt.

Die Perspektive der Immobilienwirtschaft wurde von Daniel Bormann, Geschäftsführer der Berliner REALACE GmbH, vertreten. Er wies darauf hin, dass dem Thema Gesundheit bei der Entwicklung von Immobilien zukünftig ein viel höherer Stellenwert eingeräumt werden sollte. Auch wenn die weitere Entwicklung in den Stadtzentren nach der Corona-Pandemie noch nicht genau abzuschätzen sei, ist schon jetzt viel Leerstand im Bereich des Gewerbes festzustellen. Davon ausgenommen sind jedoch Arztpraxen und Einrichtungen der gesundheitlichen Versorgung. Diese seien eher krisenfest und ihre Vermietung deshalb vorteilhaft. Für Daniel Bormann könnte das neue Leitbild für das Zentrum sogar heißen: „Die Karl-Marx-Straße – von der Konsumstraße zur Gesundheitsstraße“. Darin sollten jedoch nicht nur die Versorgung im Falle von Krankheiten, sondern auch Angebote der Prävention und zur gesunden Lebensweise (bspw. Fitnessstudios) inbegriffen sein.

Gesundheitseinrichtungen eng beisammen, © Bergsee, blau

Dirk Faulenbach, Fachbereich Stadtplanung, erläuterte die Sicht der Bezirksverwaltung und die entsprechenden Sanierungsziele für die Zentrumsentwicklung. Vielfach würde ein Arztbesuch im Zentrum mit einer Shopping- bzw. Erlebnis-Tour verbunden. Die Gesundheitseinrichtungen im Zentrum ergänzen somit nicht nur die Angebotsbreite in der Karl-Marx-Straße, sondern sie tragen auch zur Belebung der Straße und zu einer höheren Kundenfrequenz im Einzelhandel bei.

Einen besonders innovativen Ansatz brachte Michael Janßen mit dem Projekt „Stadtteilgesundheitszentrum“ ein. Das Projekt wird sich im Gebäude ALLTAG auf dem Kindl-Areal ansiedeln. Es möchte mithilfe eines breit angelegten Netzwerks lokaler Gesundheitseinrichtungen und -akteure nicht nur einen Beitrag zu einer stabilen Gesundheitsversorgung für alle Menschen leisten, sondern auch partizipativ auf die alltäglichen Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten eingehen. Dazu sollen soziale Faktoren wie Themen des Wohnens, der Bildung, Arbeit und Partizipation und ihre Wechselwirkungen mit der individuellen Gesundheit der Menschen berücksichtigt werden.

Die Diskussion zeigte insgesamt, dass die Karl-Marx-Straße aufgrund der vorhandenen Angebote und des gewachsenen Akteursnetzwerks für die medizinische Versorgung der Bewohnerschaft Neuköllns (und darüber hinaus) einen sehr wichtigen Standort darstellt. Um den Gesundheitsstandort weiter stärken zu können, wird das Handeln von Eigentümern und Eigentümerinnen sowie der Projektentwicklungen umso wichtiger. Sowohl bei Neubauvorhaben als auch bei der Sanierung von Bestandsbauten sollten immer auch die Bedarfe von Arztpraxen und Gesundheitseinrichtungen geprüft werden. Die Stärkung des Gesundheitsstandorts Karl-Marx-Straße könnte somit eine Win-Win-Situation herstellen. Mit der Ansiedlung von Gesundheitseinrichtungen wird nicht nur ein Mehrwert für die umfängliche medizinische Versorgung der Neuköllner und Berliner Bevölkerung geschaffen; angesichts der Auswirkungen der Corona-Pandemie bietet die Integration von Gesundheitseinrichtungen viele Potenziale für eine nachhaltige Zentrenentwicklung. Aus diesem Grund sollten Verwaltung, Eigentümerinnen und Eigentümer sowie die weiteren Akteure entlang der Karl-Marx-Straße im weiteren Sanierungsverfahren verstärkt und gemeinsam die Bedarfe der Gesundheitseinrichtungen berücksichtigen.

David Fritz, BSG