Die 17. Ausgabe des BROADWAY Neukölln trägt den Titel „Reibungen“ und untersucht damit Konfliktfelder im Zentrum. Denn Begegnungen in vielfältigen und lebendigen Stadtgesellschaften verlaufen nicht immer reibungslos. Die dabei entstehenden Konflikte müssen jedoch nicht zwingend negativ sein, sondern können auch als Anlass zum Dialog dienen. Wie können wir Wege finden, konstruktiv mit ihnen umzugehen? Diese Ausgabe lädt dazu ein, genauer hinzusehen, zuzuhören, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und die eigene Position zu reflektieren. Sie gibt Einblicke in die Herausforderungen des Alltags und stellt gleichzeitig engagierte Initiativen und Vereine vor, die bereits auf konstruktive Weise mit diesen Reibungen umgehen.

Stand Juli 2026

Störung im Stadtraum?

Nord-Neukölln, insbesondere der pulsierende Bereich um die Karl-Marx-Straße, ist durch eine visuelle Intensität geprägt, die der akustischen Geräuschkulisse des Zentrums in nichts nachsteht. Dazu zählen auch Bemalungen an Fassaden, die eine Vielsprachigkeit von Botschaften bilden, die als Ausdruck der diversen Stadtkultur Neuköllns verstanden werden kann. 

Der Stadtraum fungiert damit als Ort, an dem Reibungen nicht als bloße Störung, sondern – zumindest aus soziokultureller Perspektive – auch als Kommunikationsmittel begriffen werden können. Es ist ein Raum, in dem unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinandertreffen und sich permanent visuell miteinander auseinandersetzen.

Graffiti bedecken die Hauswände an einem Weg zwischen Wohnhäusern in Berlin-Neukölln, daneben ein Zaun und Bäume.

Prägen das Stadtbild im Zentrum: mit Graffiti bemalte Fassaden (Foto: Museum Neukölln)

Das Spannungsfeld: Kunst, Aneignung und Regelbruch
Die Präsenz von Graffiti im öffentlichen Raum erzeugt ein Spannungsfeld zwischen der kreativen, ästhetischen, aktivistischen oder politischen Aneignung und unterliegt zugleich dem Vorwurf des Vandalismus. Wer darf den Stadtraum nach welchen Regeln gestalten? Hier prallen nicht nur Weltanschauungen, sondern auch gegensätzliche Vorstellungen von Ordnung und Eigentum aufeinander. 

Zwar kann Graffiti auch als Sachbeschädigung gesehen und strafrechtlich verfolgt werden, doch offenbart ein kulturwissenschaftlicher Blick eine historische Tiefe, die weit über bloße Sachbeschädigung hinausgeht. Die Spuren menschlicher Kommunikation an Wänden reichen von den Höhlenmalereien in Lascaux, die vor rund 20.000 Jahren entstanden sind, bis zu politischen Wahlempfehlungen im antiken Pompeji, das im Jahr 79 n. Chr. unterging. Street Art ist somit die zeitgenössische Fortschreibung eines archaischen Bedürfnisses nach Markierung und Deutung im öffentlichen Raum.

Graffiti an einer Hauswand in Neukölln mit „You ok?“, einer Katze und einem orangefarbenen Motiv.

Das Einhorn kommuniziert im Stadtraum mit seiner Umgebung (Foto: Museum Neukölln)

Street Art und Graffiti im Zentrum Karl-Marx-Straße
Wie unterschiedlich Graffiti bewertet wird, zeigt sich besonders anschaulich an der Kindl-Treppe. Ursprünglich war hier die Vorstellung, dass eine aufwändige grafische Gestaltung, ergänzt durch von Kindern bemalte Elemente, vor weit­eren Bemalungen durch Fremde schützen würde. Doch diese Erwartung erfüllte sich nicht. Die Flächen wurden nach und nach von Tags und Schriftzügen überdeckt. Für die einen ist die Kindl-Treppe dadurch ein Sinnbild für mangelnde Instandhaltung und Sachbeschädigung geworden. Andere wiederum finden, dass die Treppe dadurch authentischer wirkt, gerade an einem Ort, an dem Kunst- und Kreativangebote stattfinden. Interessant ist dabei aber auch eine Perspektive aus der Szene selbst: Legale Wandgestaltungen gelten vielen „Writern“ (Schreiberinnen und Schreibern) als weniger respektabel und werden daher bewusst übermalt. Am Beispiel der Kindl-Treppe zeigt sich also, was den Stadtraum insgesamt prägt: Unterschiedliche Ausdrucksformen überlagern sich, konkurrieren miteinander und entwickeln sich stets weiter. Die Form des „Crossens“, also des Übermalens, kann dabei eine bewusste Form der Interaktion darstellen. Ob man sich an die ungeschriebenen Gesetze, „Wer malt wo? Wer ‚crossed‘ wen?“, hält oder nicht, ist somit also eine bewusste Entscheidung, die nicht selten mit Reviermarkierungen und szeneinternem Ruhm, auch „Fame“ genannt, einhergeht. Zudem geht aus der Szene hervor, dass legale Wände allein illegale Graffitis nicht unterbinden. Dazu braucht es laut der „Graffiti Lobby Berlin“ einen aktiven Dialog zwischen Sprayenden und Eigentümerinnen und Eigentümern. Die Reibung müsste also als Anlass zum Dialog genommen werden.

Eine Kühlschranktür mit Unicorn-Zeichnung und dem Schriftzug „I’m sexy“, flankiert von Ausstellungstexten in Neukölln.

Die Kühlschranktür von Roy Draws als Exponat im Museum (Foto: Museum Neukölln)

Zu Gast im Museum
Mit der Ausstellung „ZEICHEN. SPRACHEN. STADTRAUM.“, die von Oktober 2025 bis Mai 2026 im Museum Neukölln zu sehen war, widmete sich das Museum dem Thema als Kontext-Vermittler. Es verfolgte dabei bewusst einen ethnografischen Ansatz, der „Codes“ entschlüsselt, ohne dabei moralisch zu werten. Die Ausstellung bot einen Blick hinter die Kulissen der Anonymität, ohne die Schöpferinnen und Schöpfer zu entblößen.

Graffiti und Wandbilder bedecken eine Hofecke mit Treppen, Fahrrädern und einem hellen Platz in Berlin-Neukölln.

Auch legale Wandgestaltungen wie die Kindl-Treppe werden „gecrossed“ (Foto: Bergsee, blau)

Die Lesbarkeit der Stadt
Graffiti und Street Art sind weit mehr als Dekoration oder reiner Vandalismus. Sie sind Spiegel unserer urbanen Gegenwart. Die Erkenntnis bleibt: Vielfalt braucht Toleranz, Toleranz braucht Wissen, Wissen braucht Kontext. Erst durch die Enträtselung der visuellen Codes wird der Stadtraum lesbar und die Sprache der Straße als integraler Bestandteil der Neuköllner Identität erkennbar. Die Enträtselung des Stadtraums ist somit der erste notwendige Schritt, um die Stadt nicht nur zu bewohnen, sondern sie in ihrer gesamten symbolischen Komplexität zu begreifen.

Dr. Matthias Henkel, Museum Neukölln