Die 17. Ausgabe des BROADWAY Neukölln trägt den Titel „Reibungen“ und untersucht damit Konfliktfelder im Zentrum. Denn Begegnungen in vielfältigen und lebendigen Stadtgesellschaften verlaufen nicht immer reibungslos. Die dabei entstehenden Konflikte müssen jedoch nicht zwingend negativ sein, sondern können auch als Anlass zum Dialog dienen. Wie können wir Wege finden, konstruktiv mit ihnen umzugehen? Diese Ausgabe lädt dazu ein, genauer hinzusehen, zuzuhören, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und die eigene Position zu reflektieren. Sie gibt Einblicke in die Herausforderungen des Alltags und stellt gleichzeitig engagierte Initiativen und Vereine vor, die bereits auf konstruktive Weise mit diesen Reibungen umgehen.

Stand Juli 2026

Am Puls der Straße

Nicht jede Reibung muss zwangsläufig zu einem Konflikt führen. Sind Menschen bereit, einander zuzuhören und respektvoll zu behandeln, können Reibungen auch als Anlass zum Dialog dienen. Die hier vorgestellten Einrichtungen leisten genau das: Sie schlagen Brücken zwischen unterschiedlichen Lebensweisen, indem sie einander auf Augenhöhe begegnen, oder setzen sich für demokratische Werte ein. Damit begegnen sie Reibungen mit konkreten Lösungsansätzen.

Aufbruch Neukölln e. V.

Uthmannstraße 17
12043 Berlin
www.aufbruch-neukoelln.de

Mehrere Menschen sitzen in einem hellen Raum zusammen, während ein Mann lebhaft spricht und zur Gruppe gestikuliert.

Auch weibliche Perspektiven fließen in die Selbsthilfegruppen für Väter ein (Foto: Verena Brüning)

Der Verein „Aufbruch Neukölln“ unterstützt Eltern und Jugendliche dabei, ein gewaltfreies, demokratisches und eigenverantwortliches Leben zu führen. Er bietet Menschen Beratung und Orientierung, um einen friedvolleren Lebensstil zu fördern – innerhalb der eigenen vier Wände sowie darüber hinaus. Der Verein ist vor allem für seine Selbsthilfegruppen türkischstämmiger Väter und seinen Gründer Kazım Erdoğan bekannt.

Als der Psychologe und Soziologe vor mehr als 50 Jahren nach Berlin kam, stellte er fest, dass sich vor allem Frauen für die Erziehung der Kinder verantwortlich fühlten. Dadurch wuchsen viele Kinder ohne Väter als Vorbilder auf. Zudem fühlten sich viele in der Türkei sozialisierte Männer durch Arbeitslosigkeit, neue Rollenverteilungen und zunehmende Scheidungsraten verunsichert. Da ihnen Angebote zur Unterstützung fehlten, griffen sie oft zu Gewalt, um mit diesen Unsicherheiten umzugehen. So wuchsen ihre Kinder in einer vaterlosen, perspektivlosen und aus ihrer Sicht feindlichen Gesellschaft auf. Dies äußerte sich schließlich auch in Kitas und Schulen, wo sie ein harmonisches Zusammenleben sowie einen erfolgreichen Schul- und Berufsweg verhinderten.

Genau hier setzt Kazım Erdoğan mit seiner aufsuchenden Arbeit an. Er ruft die Väter persönlich an, schenkt ihnen positive Anerkennung und lädt sie ein, vorbeizukommen. Hier wird den Männern ein geschützter Raum geboten, in dem sie sich öffnen können und gehört werden. Die Grundlage dafür ist, Vertrauen aufzubauen, indem man ihnen auf Augenhöhe und mit Empathie begegnet. Darüber hinaus bietet Erdoğan den Teilnehmenden konkrete Unterstützungshilfen, die ihnen dabei helfen, im Alltag Ruhe, Geduld und Gelassenheit zu bewahren. 

Ein älterer Mann im orangebraun gestreiften Hemd steht lächelnd vor einem Kiosk an der Karl-Marx-Straße in Berlin.

Kazım Erdoğan ist international als Integrationsexperte bekannt (Foto: Verena Brüning)

Dass sein Ansatz funktioniert, lässt sich an der stetig wachsenden Anzahl von Selbsthilfegruppen ablesen – und das weit über Neukölln hinaus. In Berlin gibt es mittlerweile fünf Gruppen, im Westen Deutschlands zwei und sogar im österreichischen Bregenz eine. Zudem haben sich arabischsprachige und internationale Selbsthilfegruppen für Väter sowie eine Selbsthilfegruppe für Mütter gebildet. Doch auch auf individueller Ebene zeigt sich, dass Erdoğans Arbeit Früchte trägt. Menschen bedanken sich regelmäßig bei ihm für seine wertvolle Arbeit, bringen ihm Geschenke mit und erzählen ihm, welche nachhaltige Wirkung seine Arbeit auf sie hat.

Es gibt allerdings auch Herausforderungen, die einen friedlichen Umgang miteinander erschweren. Eine zunehmende Hürde ist beispielsweise, dass Menschen heute weniger miteinander ins Gespräch kommen. Dabei ist Kommunikation nicht nur für den Zusammenhalt von Familien, sondern auch für den von Gesellschaften ausschlaggebend. Was ihn über die aktuelle Kommunikationslosigkeit hinaus außerdem stört, ist das defizitorientierte Denken und Handeln. Meistens würden Menschen gleich vom Schlimmsten ausgehen. Erdoğan zufolge ist der erste Schritt zum Erfolg jedoch, an ihn zu glauben. Von dort aus könne man täglich „kleine Brötchen backen“. Zudem wünscht er sich, dass viel mehr positive Erfolgsgeschichten erzählt werden – gerade, wenn es um Neukölln geht. Wir erzählen hiermit zumindest eine davon: die von Kazım Erdoğan.

Carolina Crijns, raumscript

Stadtteilmütter Neukölln

Andreasbergerstraße 13
12347 Berlin
www.diakoniewerk-simeon.de

Frisch qualifizierte Stadtteilmütter aus Neukölln stehen mit Urkunden vor dem Rathaus Neukölln.

Frisch qualifizierte Stadtteilmütter vor dem Rathaus Neukölln (Foto: Diakoniewerk Simeon gGmbH)

Wenn Familien im Alltag an Grenzen stoßen, ihnen die Orientierung fehlt oder sprachliche und bürokratische Hürden zur Belastung werden, sind die Stadtteilmütter Neukölln eine wichtige Anlaufstelle. Sie begleiten Familien und Kinder auf ihrem Weg – niedrigschwellig, mehrsprachig und auf Augenhöhe. Was 2004 als Modellprojekt türkischsprachiger Frauen im Schillerkiez begann, ist inzwischen ein unverzichtbarer Bestandteil der sozialen Infrastruktur Neuköllns.

Bis heute haben mehr als 500 Frauen den halbjährigen Qualifizierungskurs zur Stadtteilmutter absolviert, rund 100 von ihnen sind derzeit aktiv. Was die Frauen eint: Sie alle haben eine Zuwanderungsgeschichte und kennen die Herausforderungen, mit denen Familien in einem neuen Umfeld konfrontiert sind. Für einige markierte die Tätigkeit zugleich den Einstieg ins Berufsleben. Damit sind die Stadtteilmütter auch Vorbilder – in ihren Familien ebenso wie für andere Frauen im Kiez.

Das Angebot der Stadtteilmütter umfasst in der Regel zehn Familienbesuche, bei denen Informationen zu den Themen Bildung, Gesundheit und Erziehung vermittelt werden. Die Arbeit der Stadtteilmütter geht jedoch weit über klassische Beratung hinaus: Sie bauen Vertrauen auf, begleiten Familien zu Einrichtungen, unterstützen bei Behördenfragen und informieren über bezirkliche Angebote. Dabei verstehen sie sich als Türöffnerinnen, Wegbegleiterinnen und Sprachrohr zwischen Familien und Institutionen.

„So gut wie die Stadtteilmütter kennt niemand Neukölln“, sagt Laura Serra Merckens, Koordinatorin für die Region „Neukölln Mitte“. Entsprechend breit ist das Netzwerk: Die Stadtteilmütter kooperieren mit Familienzentren, Kitas, Schulen und anderen Einrichtungen in den jeweiligen Kiezen. Rund um die Karl-Marx-Straße zählen dazu beispielsweise die Hermann-Boddin-Grundschule, das Medienkompetenzzentrum Neukölln und die Helene-Nathan-Bibliothek. Auch mit dem „Blueberry Inn” und dem Stadtteil-Gesundheits-Zentrum „Geko“ arbeiten sie eng zusammen. So stärken die Stadtteilmütter nicht nur Familien, sondern auch die Nachbarschaft und tragen so zu mehr Teilhabe und Zusammenhalt im Bezirk bei.

Christoph Lentwojt, raumscript

Galerie Olga Benario,
Die Biografische Bibliothek

Richardstraße 104
12043 Berlin
www.galerieolgabenario.de
www.biobib.info

Schaufenster der Galerie Olga Benario in Berlin-Neukölln mit Fahrrad, Plakaten und Blick in den Innenraum.

Die Galerie Olga Benario lädt zum Hineinspazieren und Mitdiskutieren ein (Foto: Galerie Olga Benario)

Zwischen Ausstellungen, Lesungen und politischen Debatten hat sich die „Galerie Olga Benario“ als bedeutender Anker des kulturellen Lebens in Neukölln etabliert. Sie versteht sich nicht als klassische „Galerie“, sondern als offenes Forum für Austausch und Erinnerungskultur. Im Mittelpunkt stehen gesellschaftliche Fragen, historische Themen sowie lokale und internationale politische Entwicklungen. Dabei positioniert sie sich klar gegen Neofaschismus, Rassismus, Sexismus und Imperialismus.

Die Galerie wurde 1984 in Neukölln gegründet und trägt den Namen der antifaschistischen Widerstandskämpferin Olga Benario, die von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Seit 2001 befindet sie sich in der Richardstraße. Regelmäßig finden hier Ausstellungen, Lesungen und Veranstaltungen statt, die Raum für Begegnung und den Austausch über politische Themen eröffnen. Gezeigt werden zudem Fotografien, Dokumente und künstlerische Arbeiten, die historische Ereignisse mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten verbinden.

Getragen wird das Projekt von ehrenamtlichem Engagement und einem Netzwerk von Menschen, die sich für politische Bildung und kulturellen Austausch im Kiez einsetzen. Im Rahmen der Lesereihe „LAUT LESEN!“ der Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus setzt sich die Galerie gemeinsam mit anderen Einrichtungen im Bezirk für Offenheit und demokratische Kultur ein.

Direkt nebenan befindet sich die „Biografische Bibliothek“. Das Antiquariat verfügt über ein breites Angebot an biografischen Romanen, Tagebüchern, Memoiren, Briefen und vielem mehr – und lädt dazu ein, Geschichte über persönliche Erfahrungen neu zu entdecken.

Christoph Lentwojt, raumscript