Die 17. Ausgabe des BROADWAY Neukölln trägt den Titel „Reibungen“ und untersucht damit Konfliktfelder im Zentrum. Denn Begegnungen in vielfältigen und lebendigen Stadtgesellschaften verlaufen nicht immer reibungslos. Die dabei entstehenden Konflikte müssen jedoch nicht zwingend negativ sein, sondern können auch als Anlass zum Dialog dienen. Wie können wir Wege finden, konstruktiv mit ihnen umzugehen? Diese Ausgabe lädt dazu ein, genauer hinzusehen, zuzuhören, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und die eigene Position zu reflektieren. Sie gibt Einblicke in die Herausforderungen des Alltags und stellt gleichzeitig engagierte Initiativen und Vereine vor, die bereits auf konstruktive Weise mit diesen Reibungen umgehen.

Stand Juli 2026

Der Toilettengang – eine öffentliche Angelegenheit

Öffentliche Toiletten sind wahrscheinlich nicht das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man an das gesellschaftliche Zusammenleben denkt. Dabei sind sie in einer lebenswerten Stadt unerlässlich, da sie die Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen. Doch gerade weil der Zustand beziehungsweise das Fehlen dieser Orte in Berlin oft zu Frust und zu Reibungen führt, werden sie von vielen Menschen zumeist gemieden oder gar nicht erst in Erwägung gezogen. Am Beispiel „öffentliche Toilette“ wird deutlich, dass Reibung auch durch das Fehlen von Angeboten verursacht werden kann.

Wie sich dieses Thema im und um das Zentrum Karl-Marx-Straße verhält, lässt sich besonders gut aus Sicht der Marktplanenden veranschaulichen. Da Märkte mehrere Stunden lang im öffentlichen Raum stattfinden, sind die Marktteilnehmenden auf eine funktionsfähige und nutzbare Toilette angewiesen. Dazu zählen nicht nur die Besucherinnen und Besucher, sondern insbesondere auch die Händlerinnen und Händler, die im Laufe des Marktbetriebs zwangsläufig eine Toilette benötigen. Nikolaus Fink ist mit seiner Firma „diemarktplaner“ daher regelmäßig mit Herausforderungen im Bereich der sanitären Versorgung konfrontiert und kann entsprechend zahlreiche „Toilettengeschichten“ erzählen. Diese Erfahrungen haben ihn dazu veranlasst, schon vor Jahren ein eigenes Toilettenkonzept zu entwickeln. Dieses lautet wie folgt: Überall dort, wo eine öffentliche Toilette der Betreiberfirma „Wall“, die sogenannte „Berliner Toilette“, vor Ort vorhanden ist, wird versucht, diese sinnvoll zu nutzen. Das trifft in Zentrumsnähe beispielsweise auf den Markt am Hermannplatz zu. Leider sind diese Einrichtungen jedoch oft defekt, stark verunreinigt oder über längere Zeiträume belegt. In der Regel sind es die Marktbetreibenden selbst, die die Toiletten vor dem Marktgeschehen in einen zumutbaren Zustand bringen beziehungsweise die Firma Wall darum bitten.

Eine öffentliche Toilettenkabine am Alfred-Scholz-Platz steht neben einem Fahrrad und Verkehrsschildern.

Die Berliner Toilette am Alfred-Scholz-Platz (Foto: Bergsee, blau)

An Orten ohne öffentliche Toiletten wurden früher mobile Toilettenkabinen tagesaktuell bereitgestellt. Aufgrund struktureller Veränderungen beim Anbieter war es jedoch nicht mehr möglich, diese täglich, sondern nur noch wöchentlich zu reinigen. Da die Toilettenkabinen somit dauerhaft unbeaufsichtigt im öffentlichen Raum hätten verbleiben müssen, musste von dieser Option schließlich abgesehen werden. Auch der Einsatz von Vorhängeschlössern erwies sich in der Vergangenheit aufgrund von Vandalismus als nicht wirksam. Herr Fink gibt allerdings zu bedenken, dass sowohl die Berliner Toiletten als auch die mobilen Toilettenkabinen von Frauen ohnehin kaum genutzt werden. Sie weichen eher auf Cafés oder andere Möglichkeiten aus.

Auf der Suche nach Alternativen investierte Herr Fink schließlich in einen eigenen WC-Anhänger mit Frischwasseranschluss und Abwasserleitung. Doch diese logistisch aufwendige Lösung funktioniert nur dort, wo Wasseranschluss und Kanalisation unmittelbar nebeneinander liegen. Von den insgesamt 12 Märkten, die sein Unternehmen betreibt, ist das nur am Maybachufer und am Südstern der Fall. Im Übrigen ist das auch einer der Gründe, weshalb sich Berliner Toiletten nicht überall aufstellen ließen.

Auf dem Wochenmarkt stehen Stände mit Obst und Gemüse, während Kundinnen und Kunden zwischen den Pavillons einkaufen.

Zumutbare Toiletten würden die Aufenthaltsdauer bei Märkten verlängern (Foto: Benjamin Pritzkuleit)

Als letzte, aber innovative Möglichkeit nennen diemarktplaner die Kooperation mit anliegenden Gastronomiebetrieben. Ein Lösungsansatz ist beispielsweise, Verträge mit Café-Inhabenden abzuschließen, die gegen eine finanzielle Aufwandsentschädigung den Marktteilnehmenden Zugang zu ihren Toiletten gewähren. Diese Möglichkeit hängt jedoch stark von der Bereitschaft der einzelnen Inhaberinnen und Inhaber ab.

Für diemarktplaner ist dieses Thema also nicht nur eine anhaltende Herausforderung, sondern auch eine Aufgabe, für die sie keine Aufwandsentschädigung erhalten. Doch wie wirkt sich diese Problematik eigentlich auf das Verhalten von Menschen im Alltag aus? Das haben wir neben Herrn Fink auch die Mitglieder der Seniorenvertretung Neukölln gefragt. Ältere Menschen zählen schließlich zu den Personengruppen, die vermehrt auf Toiletten angewiesen sind. Was Nikolaus Fink auf seinen Märkten beobachtet, berichten die Seniorinnen und Senioren aus eigener Erfahrung: Das Fehlen angemessener Toiletten führt dazu, dass sich der Bewegungsradius und die Aufenthaltsdauer im öffentlichen Raum reduzieren. Im Fall von Herrn Fink ließ sich das sogar bereits konkret an den Umsatzzahlen ablesen, nachdem das Schließen von anliegenden Cafés oder Eigentümerwechsel dazu führten, dass deren Toiletten nicht mehr genutzt werden konnten. Aus den Gesprächen geht klar hervor: Wo es keine Toiletten (mehr) gibt, halten sich Menschen nicht lange auf, sondern gehen, sobald sie ihre Einkäufe erledigt haben.

Sonniger Platz an der Karl-Marx-Straße in Neukölln mit Bäumen, Radfahrern und Menschen auf Sitzbänken.

Wo Menschen zusammenkommen, braucht es öffentliche Toiletten (Foto: Bergsee, blau)

Zudem erzählen die Seniorinnen und Senioren, dass sie bewusst auf vorheriges Trinken verzichten, wenn sie das Haus für eine längere Zeit verlassen müssen. Bei längeren Routen müssen sie ihre Toilettenbesuche sogar im Voraus planen. Dies ist umso mehr der Fall, wenn sie mit Enkelkindern unterwegs sind. Wo genau sich benutzbare Toiletten befinden, wissen sie nur aus eigener Erfahrung, also aufgrund ihres Alltagswissens. Meistens sind das halböffentliche Toiletten, wie zum Beispiel im Rathaus, in den Neukölln Arcaden, in der Helene-Nathan-Bibliothek oder in Supermärkten wie dem REWE in der Rollbergstraße. Notfalls nutzen sie auch gastronomische Einrichtungen. Aus diesem Grund hat die Seniorenvertretung vor zwei Jahren auch einen eigenen Toilettenführer erstellt. 

Eine besondere Schwierigkeit bei der Lösung des Problems liegt in der Zuständigkeit: Verantwortlich ist nämlich nicht der Bezirk, sondern das Land Berlin. Die Berliner Toilette ist das Ergebnis des im Jahr 2019 beschlossenen landesweiten Toilettenvertrags zwischen dem Toilettenbetreiber Wall und dem Senat. Auf Bezirksebene besteht daher nur begrenzter Handlungsspielraum. Das Bezirksamt kann lediglich immer wieder an die höhere Verwaltungsstufe verweisen. Für eine der Berliner Toiletten ist es Herrn Fink jedoch gelungen, direkt mit Wall eine Lösung auszuhandeln. Die Anlage am Markt in Britz-Süd wird nun nachmittags von Wall nach der letzten Servicekon­trolle manuell verschlossen. Seitdem wird diese Anlage nicht mehr zu Übernachtungs- oder Drogenkonsumzwecken genutzt und bleibt sauber.

Zwei App-Symbole für öffentliche Toiletten: links ein blaues WC-Icon, rechts ein rotes Smiley-Icon mit Augen.

Apps aus dem Google Play Store „Berliner Toilette“ und „Die nette Toilette“

Letzteres ist im Übrigen auch laut der zuständigen Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt (SenMVKU) die größte Herausforderung: „Vandalismus und Fehlnutzungen von einzelnen Anlagen stellen aktuell eine der größten Herausforderungen dar“, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber dem BROADWAY. Auch Hossein Eggebrecht, Inhaber der „Rixbox“ am Alfred-Scholz-Platz, beklagt sich, dass die angrenzende öffentliche Toilette aus diesem Grund kaum nutzbar ist. Sie würde hauptsächlich zum Drogenkonsum und Aussitzen des Rausches zweckentfremdet werden. Zudem wüssten die Fehlnutzenden, wie sich die Türen der Berliner Toiletten manipulieren ließen, sodass sie sich nicht nach 40 Minuten automatisch öffneten. In diesen Fällen ließen sie sich dann nur noch von innen aufbrechen, was wiederum zu einem Defekt führe. Aufgrund anhaltender Probleme bei der Aufrechterhaltung der Betriebsbereitschaft der öffentlichen Toiletten hält auch er eine Kooperation mit ansässigen Gastronomiebetrieben zur Mitbenutzung ihrer Toiletten für die Kundinnen und Kunden der Rixbox für einen guten Weg.

Trotz der berechtigten Kritik hat es in den letzten Jahren allerdings auch einige Verbesserungen bei den Berliner Toiletten gegeben. So gibt es nun auch Modelle mit Pissoirs auf der Rückseite, die das öffentliche Urinieren zumindest teilweise unterbinden. Aus Gleichberechtigungsgründen ist bei diesen Modellen auch die verschließbare Toilette an der Vorderseite kostenlos zugänglich. Im Zentrum Karl-Marx-Straße trifft dies auf die Toilette am Alfred-Scholz-Platz zu.

Ein Faltblatt mit dem Titel „Der schnelle Weg zum Örtchen“ zeigt eine Bronzefigur auf einer Schildkröte im Grünen.

Der Toilettenführer der Seniorenvertretung Neukölln

Herr Fink kritisiert dennoch, dass eine ursprünglich öffentliche Aufgabe zunehmend schlechter erfüllt, wenn nicht sogar ausgelagert wird. Nicht nur an Gastronomiebetriebe, die für die erhöhte Serviceleistung aufkommen müssen, sondern auch auf die Menschen vor Ort. Denn meistens sind sie diejenigen, die die Betreiberfirma auf defekte Toiletten hinweisen, da Wall immer nur sehr kurz vor Ort präsent sei. Aus seiner Sicht bräuchte es mehr Personal zur Betreuung oder eine Art Spezialtruppe, die kurzfristig für defekte Toiletten eingesetzt werden kann. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch die Seniorenvertretung Neukölln. Deren Mitglieder haben die Erfahrung gemacht: Öffentliche Toiletten funktionieren nur dann, wenn sie mit einer Betreuung einhergehen.

Damit kommen wir zu den möglichen Lösungsansätzen. Ein überzeugender Ansatz bestünde darin, die bereits vorhandene Infrastruktur stärker mitzudenken: ähnlich wie Herr Fink es bereits mit Gastronomiebetrieben macht, könnten diese ihre Toiletten auch gegen eine Aufwandsentschädigung aus öffentlicher Hand zugänglich machen. In einigen Städten ist dieses Konzept bereits als „Nette Toilette“ bekannt. Dort werden die Kooperationspartner mittels Sticker an ihren Eingängen sowie in der „Nette Toilette“-App gekennzeichnet. Denkbar wäre zudem eine Ausweitung auf Einrichtungen wie Schwimmbäder, Hotels und Museen. Auch Hannes Rehfeldt, Bezirksstadtrat für Soziales, sieht das Berliner Toilettenkonzept in seiner aktuellen Form kritisch. Ein einheitlicher Ansatz für die gesamte Stadt greife laut ihm zu kurz, stattdessen brauche es differenziert Lösungen für die Außen- und Innenbezirke. Zudem weist er darauf hin, dass Konzepte wie „Nette Toilette“ deutlich günstiger seien als die kostenintensive Aufstellung der Berliner Toiletten. Zudem wären bei ersterem aufgrund der inkludierten Betreuung Vandalismusschäden und Fehlnutzungen seltener.

Karte von Neukölln mit markierten Berliner Toiletten an Alfred-Scholz-Platz, Richardplatz und Thomashöhe.

Öffentliche und halböffentliche Toiletten im Zentrum Karl-Marx-Straße

Die Gespräche verdeutlichen also: Es reicht nicht aus, Toiletten lediglich bereitzustellen, ihre langfristige Nutzbarkeit muss von Anfang an mitgedacht werden. Laut der zuständigen Senatsverwaltung werden derzeit zumindest erste Überlegungen für eine berlinweite Umsetzung eines solchen Kooperationsmodells durchgeführt. Die Komplexität des Themas veranschaulicht, dass das Fehlen von angemessenen öffentlichen Toiletten zwar eine kollektive Herausforderung darstellt, jedoch zu einem individuellen Problem gemacht wird. Damit ist die Frage nach der Toilette auch eine Frage danach, wie wir unsere Stadt organisieren wollen und für wen. Denn eine Stadt, in der sich Menschen aufhalten, begegnen und verweilen können, braucht mehr als Plätze und Wege. Sie braucht auch Orte für die alltäglichsten Bedürfnisse.

Carolina Crijns, raumscript