Die 17. Ausgabe des BROADWAY Neukölln trägt den Titel „Reibungen“ und untersucht damit Konfliktfelder im Zentrum. Denn Begegnungen in vielfältigen und lebendigen Stadtgesellschaften verlaufen nicht immer reibungslos. Die dabei entstehenden Konflikte müssen jedoch nicht zwingend negativ sein, sondern können auch als Anlass zum Dialog dienen. Wie können wir Wege finden, konstruktiv mit ihnen umzugehen? Diese Ausgabe lädt dazu ein, genauer hinzusehen, zuzuhören, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und die eigene Position zu reflektieren. Sie gibt Einblicke in die Herausforderungen des Alltags und stellt gleichzeitig engagierte Initiativen und Vereine vor, die bereits auf konstruktive Weise mit diesen Reibungen umgehen.

Stand Juli 2026

Kleiner Müll, große Reibungs­flächen

Nord-Neukölln ist eigentlich ein Ort der Begegnung: Menschen kaufen ein, treffen sich, gehen aus oder essen gemeinsam. Doch wo viele Menschen unterwegs sind, entsteht auch viel Müll. Im Zentrum Karl-Marx-Straße prägt besonders sogenannter „Kleinstmüll“ das Straßenbild: Verpackungen, Essensreste, Zigaretten oder Einwegbecher landen oft nicht im Mülleimer, sondern auf dem Boden oder in Fahrradkörben. Hinzu kommen Sperrmüll, Baustellenreste oder überfüllte Mülleimer.

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) bestätigt selbst, dass die Karl-Marx-Straße einen „sehr hohen Verschmutzungsgrad“ aufweist. Gleichzeitig gehört sie mit der Reinigungsklasse 1a zur höchsten Reinigungskategorie Berlins. Diese Kategorie gilt vor allem für stark genutzte Einkaufsstraßen, touristische Orte und besonders belebte Zentren. Laut BSR wird hier in der Regel zehnmal pro Woche gereinigt – teilweise bis 22 Uhr und auch am Wochenende. Gleichzeitig fallen hier auch die höchsten Reinigungsgebühren an. Neben Kehrmaschinen sind regelmäßig auch Handreinigerinnen und Handreiniger unterwegs, außerdem werden die Papierkörbe mehrfach täglich geleert. 

An der Karl-Marx-Straße in Neukölln liegt Müll um einen festgeketteten Mülleimer, während Passanten vorbeigehen.

Im Zentrum Karl-Marx-Straße ist vor allem Kleinmüll ein Problem, bisweilen auch gleich in größeren Mengen (Foto: IMAGO – Citymanagement)

Trotzdem bleibt bei vielen Menschen das Gefühl: Es reicht nicht. Genau darüber wurde zuletzt auch im Tourismusbeirat Neukölln diskutiert. Kritisiert wurden unter anderem verschmutzte Bushaltestellen, fehlende Reinigung zwischen Fahrradständern oder mangelnde Kontrollen. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Was „gereinigt“ bedeutet, wird oft unterschiedlich verstanden. Ein aktueller Tagesspiegel-Artikel vom März 2026 beschreibt, dass bei der BSR nicht immer eine komplette Grundreinigung gemeint ist. Reinigung kann laut BSR auch bedeuten, nur Mülleimer zu leeren, Müll aufzusammeln oder einzelne Bereiche zu kontrollieren. Für viele Anwohnende entsteht dadurch eine Lücke zwischen offizieller Reinigungsklasse und dem tatsächlichen Eindruck auf der Straße.

Der Bezirk Neukölln versucht jedoch inzwischen, stärker gegen Müll vorzugehen. Laut einem weiteren Tagesspiegel-Bericht vom April 2026 wurden allein im vergangenen Jahr Bußgelder in Höhe von über 92.000 Euro gegen illegale Müllablagerungen verhängt. Gleichzeitig soll die sogenannte „Soko Müll“ personell erweitert werden. 

Plakat von Null Müll Neukölln mit der Aufschrift »Wo’s vor der Kneipe aufgeräumter als in meiner Küche ist«.

Motiv aus der Plakatkampagne von „Null Müll Neukölln“

Ein Grund für die schwierige Situation ist auch die besondere Nutzung des Zentrums. Wo viele Menschen auf engem Raum leben, essen, feiern und einkaufen, entstehen andere Mengen an Müll als in ruhigeren Wohngebieten. Vor allem Verpackungsmüll von Imbissen und To-go-Angeboten spielt dabei eine große Rolle. Gleichzeitig stehen viele kleine Gewerbebetriebe unter wirtschaftlichem Druck. Nicht alle haben Platz oder Ressourcen für eigene Mülllösungen oder Mehrwegsysteme. Auch das Mehrweggesetz wird laut Bezirk häufig nicht ausreichend umgesetzt. 

Müll ist deshalb längst nicht nur ein Reinigungsproblem. Es geht auch um Verhalten im öffentlichen Raum. In Gesprächen mit der BSR berichten selbst engagierte Anwohnende davon, dass Menschen aggressiv reagieren, wenn sie auf weggeworfenen Müll angesprochen werden. Gleichzeitig wächst bei vielen Menschen das Gefühl, dass sich etwas verändern muss – nicht nur durch mehr Reinigung, sondern auch durch mehr Verantwortung und ein anderes Bewusstsein für den gemeinsamen Stadtraum.

Zwei Mitarbeitende des Ordnungsamts stehen vor einer Graffitiwand neben abgestelltem Müll in Berlin-Neukölln.

Die Soko Müll soll illegalen Müllablagerungen auf den Grund gehen (Foto: Bezirksamt Neukölln)

Bereits seit vielen Jahren versucht Neukölln deshalb mit verschiedenen Kampagnen gegenzusteuern. Vielen ist noch die Aktion „Schön wie wir“ bekannt, mit der der Bezirk für mehr Stadtsauberkeit und gemeinschaftliches Engagement geworben hat. Inzwischen wird dieser Ansatz mit der neuen Kampagne „Null Müll Neukölln“ weiterentwickelt. Dort geht es stärker um Müllvermeidung und nachhaltigen Konsum: Mehrweg statt Einweg, Reparieren statt Wegwerfen oder Tauschen statt Neukaufen. Auch die Kieztage der BSR, bei denen Sperrmüll kostenlos abgegeben werden kann, werden von vielen Nachbarschaften positiv aufgenommen. Gleichzeitig engagieren sich immer mehr Menschen bei Kiezputz- oder lokalen Clean-up-Aktionen.

Klar ist aber auch: Das Problem lässt sich nicht allein mit mehr Reinigung lösen. Neukölln wächst, der öffentliche Raum ist stark genutzt und wird immer anonymer. Es braucht bessere Entsorgungsmöglichkeiten, mehr Aufklärung, funktionierende Mehrwegsysteme und langfristige Strategien. Es braucht aber auch Menschen, die ihren Kiez als gemeinsamen Raum verstehen. Denn bereits ein BROADWAY-Artikel aus der Ausgabe 11 hat darauf hingewiesen: „Je unpersönlicher die Nachbarschaft und je höher die Fluktuation bei Bewohnenden und Gewerbetreibenden, desto weniger fühlen sie sich zuständig, selbst tätig zu werden.“

Tina Steinke, Citymanagement