Die 17. Ausgabe des BROADWAY Neukölln trägt den Titel „Reibungen“ und untersucht damit Konfliktfelder im Zentrum. Denn Begegnungen in vielfältigen und lebendigen Stadtgesellschaften verlaufen nicht immer reibungslos. Die dabei entstehenden Konflikte müssen jedoch nicht zwingend negativ sein, sondern können auch als Anlass zum Dialog dienen. Wie können wir Wege finden, konstruktiv mit ihnen umzugehen? Diese Ausgabe lädt dazu ein, genauer hinzusehen, zuzuhören, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und die eigene Position zu reflektieren. Sie gibt Einblicke in die Herausforderungen des Alltags und stellt gleichzeitig engagierte Initiativen und Vereine vor, die bereits auf konstruktive Weise mit diesen Reibungen umgehen.

Stand Juli 2026

Triggerpunkte

Nicht nur der öffentliche Raum, auch der öffentliche Diskurs scheint konflikt­reicher geworden zu sein. Zahlreiche Themen erregen schnell die Gemüter und lassen die Meinungen weit auseinandergehen. Reibungen scheinen immer häufiger, lauter und schneller aufzutreten. Was hat sich im gesellschaftlichen Zusammenleben verändert?

Illustration mehrerer Gesichter in Sprechblasen auf gelbem Grund, dazu Fragezeichen und Ausrufezeichen.

Oftmals werden die „Polarisierung“ oder die „Spaltung“ der Gesellschaft als Gründe für die hitzigen Debatten unserer Zeit genannt. Die Gesellschaft sei demnach in zwei unversöhnliche Lager zerstritten. Doch das stimmt so nicht ganz, wie die Soziologen Steffen Mau, Linus Westheuser und Thomas Lux in ihrer Studie „Triggerpunkte“ darlegen. Sie zeigen auf, dass nicht die Gesellschaft als Ganzes gespalten ist, sondern sich vielmehr die Ränder radikalisieren. Demnach gibt es nach wie vor eine große Mitte, die sich in vielen Themen sehr einig ist. Allerdings sind die radikalisierten Ränder viel lauter und werden daher auch viel stärker wahrgenommen als die große „stille Mitte“. Zudem bekommen extreme Positionen in der Regel mehr Aufmerksamkeit. 

Hinzu kommt, dass es gewisse Themen gibt, sogenannte Triggerpunkte, über die nicht sachlich, sondern sehr emotional gestritten wird. Die Soziologen begründen dies damit, dass es zwischen Menschen einen impliziten „Gesellschaftsvertrag“ gibt, der festlegt, was als „normal“ oder „angemessen“ gilt. Gerät dieser ins Wanken, reagieren Menschen sehr stark. Das Berühren von Grundwerten wie Freiheit, Gleichheit oder Sicherheit wird demnach schnell als „Verhaltenszumutung“ wahrgenommen. Konflikte werden zusätzlich angefeuert, wenn darüber hinaus auch Gefühle von Kontrollverlust ausgelöst werden.

Zudem wird der Eindruck einer Spaltung von gewissen „Polarisierungsunternehmenden“ bewusst vorangetrieben. Sie versuchen, die Mitte der Gesellschaft für sich zu gewinnen, indem sie in erster Linie emotionalisierte Debatten, sogenannte „Affektpolitik“, führen. Damit soll der reale Rechtsruck jedoch nicht verharmlost werden. Vielmehr soll damit verdeutlicht werden, dass dieser von außen angefeuert wird und nicht aus einer Spaltung der Gesellschaft resultiert. Außerdem lassen sich in der Politik leichter Stimmen durch Meinungsverschiedenheiten als durch Gemeinsamkeiten generieren. Diese werden also bewusst provoziert und gefördert.

Doch wie kann man dagegen vorgehen? Einerseits wird geraten, sich nicht an der Oberfläche der Konflikte abzuarbeiten, sondern ihre tieferen Ebenen zu ergründen. Zudem sollten Konflikte nicht moralisch bewertet werden. Anstatt nach Schuldigen zu suchen und zu beurteilen, wer sich „falsch“ verhält, sollte man anstreben, die Ursachen der Konflikte und die dahinterstehenden Interessen zu verstehen.

Darüber hinaus sollte man lernen, Verallgemeinerungen und ein Schwarz-Weiß-Denken zu vermeiden. Stattdessen gilt es, scheinbare Widersprüche und Differenzen auszuhalten. Zudem muss ein Konflikt nicht zwingend desintegrativ sein. Im Gegenteil: er kann den Zusammenhalt auch stärken. Mit Konflikten konstruktiv umzugehen, scheint also eine wesentliche Aufgabe unserer Zeit zu sein, die jedoch erst erlernt werden muss. Ausschlag­gebend ist es laut den Soziologen aber, Kontakte nicht wegen einzelner Meinungsunterschiede abzubrechen. Denn das wäre für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wirklich problematisch – nicht aber die Reibung selbst.

Carolina Crijns, raumscript