Die 17. Ausgabe des BROADWAY Neukölln trägt den Titel „Reibungen“ und untersucht damit Konfliktfelder im Zentrum. Denn Begegnungen in vielfältigen und lebendigen Stadtgesellschaften verlaufen nicht immer reibungslos. Die dabei entstehenden Konflikte müssen jedoch nicht zwingend negativ sein, sondern können auch als Anlass zum Dialog dienen. Wie können wir Wege finden, konstruktiv mit ihnen umzugehen? Diese Ausgabe lädt dazu ein, genauer hinzusehen, zuzuhören, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und die eigene Position zu reflektieren. Sie gibt Einblicke in die Herausforderungen des Alltags und stellt gleichzeitig engagierte Initiativen und Vereine vor, die bereits auf konstruktive Weise mit diesen Reibungen umgehen.

Stand Juli 2026

Wem gehört die Straße?

Steffen Burger arbeitet im Straßen- und Grünflächenamt Neukölln mit Schwerpunkt Radverkehr und lebt seit fast 20 Jahren im Norden des Bezirks. Als Fachplaner und Anwohner kennt er die Karl-Marx-Straße aus zwei Perspektiven – und erlebt die Konflikte im Straßenraum täglich. Im Gespräch beschreibt er, warum sie sich hier besonders zuspitzen, welche Rolle das private Auto dabei spielt – und was sich ändern müsste, damit die Straße für alle besser funktioniert.

Herr Burger, was für Konflikte erleben Sie rund um die Karl-Marx-Straße und was für eine Rolle spielt Falschparken dabei?

Ich bin die Karl-Marx-Straße eigentlich noch nie mit dem Fahrrad entlanggefahren, ohne dass ein PKW oder ein Lieferwagen auf dem Radstreifen stand. Auch nachts noch nie. Das ist das häufigste Ärgernis. Dadurch weichen Radfahrende auf die Fahrbahn aus, was neue Konflikte erzeugt. Wichtig zu erwähnen ist: Es gibt eigentlich ausreichend Ladezonen. Dort stehen jedoch häufig keine Lieferfahrzeuge, sondern private Pkw.

Blick von oben auf eine Fahrradstraße mit Markierungen, Pollern, geparkten Rädern und einem schwarzen Auto an der Kreuzung.

Nicht nur Halteverbote, sondern auch Absperrungen werden oftmals ignoriert (Foto: Frieder Salm)

Und warum ist die Situation gerade hier so angespannt?

Obwohl wir auf der Karl-Marx-Straße direkt die U7 haben und es einen neuen Radfahrstreifen gibt, steigen bislang zu wenige auf andere Verkehrsmittel um. Deswegen entsteht immer noch sehr viel Stau durch private Autos. Das liegt vielleicht daran, dass einerseits viele Menschen von weiter außerhalb kommen und die Alternativen dort eben schlechter sind. Andererseits nutzen viele die Karl-Marx-Straße nur als Durchgangsroute. Schließlich ist die Bevölkerungsdichte hier in Nord-Neukölln enorm hoch und viele Menschen kommen auf wenig Straßenraum zusammen. 

Also haben wir auf der Karl-Marx-Straße ein Platzproblem?

Das Erste, was man sehen muss, ist, dass ein Auto eine sehr bequeme Art ist, um viele verschiedene Sachen zu erledigen. Das Problem ist allerdings: Je mehr Menschen das machen, desto schlechter funktioniert das System. Vor einem klassischen Mehrfamilienhaus können zwei, vielleicht drei Autos parken und schon ist die Straße voll. Das heißt, eigentlich sollten nur die wenigen mit dem Auto fahren, die wirklich darauf angewiesen sind. Sobald das mehr tun, muss man anfangen, über verschiedene Maßnahmen zu steuern. Einerseits kann man alternative Verkehrsangebote ausbauen, andererseits aber auch das Autofahren an sich unattraktiver machen, zum Beispiel durch weniger Parkplätze. 

Blick auf die Karl-Marx-Straße mit Radstreifen, Lieferwagen, Autos und abgestellten Fahrrädern vor Geschäften.

Blockierte Ladezonen zwingen Lieferfahrzeuge häufig dazu, auf Fahrradstreifen zu halten (Foto: Susanne Tessa Müller)

Eine dieser Maßnahmen ist die Parkraumbewirtschaftung. Diese gibt es seit Anfang Dezember im Rollbergkiez, die Karl-Marx-Straße ist zwischen Flughafenstraße und Karl-Marx-Platz auch Teil davon. Zeigen sich Verbesserungen?

Mit der Einführung ist sofort aufgefallen, dass plötzlich ganz viele Parkplätze frei waren. Die Falschparkenden waren größtenteils weg. Das hat sich aber im Laufe der Zeit relativ schnell wieder zum jetzt eigentlich vorherigen Zustand geändert. Das kann ich mir auch nur mit dem zu geringen Kontrolldruck erklären. Viele merken, wenn sie hier den ganzen Tag stehen, haben sie trotzdem vielleicht keinen Strafzettel. Und wenn doch, kostet es zu wenig. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre das wahrscheinlich eine Anpassung der Bußgelder auf europäisches Niveau. Und mehr Ressourcen für das Ordnungsamt.

Grafik zum Flächenbedarf im Verkehr: 30 Personen in 20 Autos, auf 30 Rädern und in einem Bus nebeneinander.

Beförderungskapazität verschiedener Verkehrsmittel: pro Kopf nimmt das Auto am meisten Platz im Straßenverkehr ein (Quelle: TUMI, Passenger capacity of different transport modes, 2021)

Wem gehört der Straßenraum – und welche Konflikte müssen wir aushalten?

Die Straße gehört allen, die sie nutzen möchten und müssen. Entscheidend ist aber, dass man die gegenseitige Rücksicht als oberstes Gebot nimmt. Wenn man etwa bei einem Umzug kurz ungünstig halten muss, sollte das so rücksichtsvoll wie möglich passieren. Es gibt Menschen, die versuchen, möglichst wenig zu stören – und andere, denen es egal ist. Letzteres muss man nicht einfach hinnehmen. Wer sich trotz Regelverstoß rücksichtsvoll verhält, entschärft Konflikte – und das kann man dann auch eher akzeptieren. Letztlich ist es auch wichtig, an die zu denken, die wir oft nicht sehen: Menschen mit eingeschränkter Mobilität und die, die sich nicht mehr raustrauen, weil sie schlichtweg Angst haben, angefahren zu werden. Wenn sie sich sicher im Straßenraum bewegen können, profitieren letztlich alle.

Tobias Thiemann, BSG