Im KARLSON #7 – 2020, der Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee informieren wir Sie wieder über die Entwicklungen und Projekte, die das Geschehen der städtebaulichen Sanierung aktuell prägen. Wir geben Ihnen in dieser Ausgabe unter anderem eine Übersicht über die noch ausstehenden Vorhaben im Sanierungsgebiet, stellen Ihnen die Planungen für die Weserstraße, den Wildenbruchplatz, den Karl-Marx-Platz und die Thomasstraße vor und befassen uns mit den Auswirkungen des Klimawandels und Klimaschutzes auf die Planungen vor Ort. Nachfolgend können Sie sich die einzelnen Artikel ansehen und auch herunterladen.

Stand Juni 2020

Baustelle Karl-Marx-Straße

Ein Gespräch über die Herausforderungen des Umbaus

Der Umbau der Karl-Marx-Straße dauert nun schon mehrere Jahre. Über sichtbare und unsichtbare Herausforderungen und Abläufe an der Baustelle sprachen wir mit dem zuständigen Projektleiter im Neuköllner Straßen- und Grünflächenamt, Boris Schmiereck.

KS: Herr Schmiereck, was sind die besonderen Herausforderungen bei der Abwicklung der Baustelle Karl-Marx-Straße?
Boris Schmiereck: Die Karl-Marx-Straße ist keine einfache Straßenbaumaßnahme, dann wären wir deutlich zügiger in der Umsetzung. Der U-Bahntunnel wird gleichzeitig saniert und alle Leitungen neu verlegt. Die Karl-Marx-Straße und damit die Baustelle sind sehr eng. Jede Fläche, die nicht für den Verkehr freigehalten werden muss, wird für die Lagerung von Baumaterialien bzw. des Abbruchmaterials benötigt. Und weil diese nicht ausreichen, müssen auch Flächen in den Nebenstraßen genutzt werden. Der U-Bahntunnel hält ohne den darüber liegenden Straßenbelag wegen der fehlenden Lastverteilung weniger Gewicht aus. Daraus folgen enge Vorgaben für die Größe z. B. der Abbruchfahrzeuge, die dort eingesetzt werden dürfen. Durch die Besonderheit der Tunnelstatik muss in kleinen Baufeldern, schachbrettartig versetzt, gearbeitet werden.

KS: Warum wurde der Bauabschnitt zwischen Fulda- und Weichselstraße zeitlich vorgezogen?
Boris Schmiereck: Schaut man sich die Planungen von 2018 an, haben wir den Umbau des mittleren Bereichs am Rathaus Neukölln zunächst übersprungen. Das bisher geltende Konzept zur Baustelleneinrichtung war nicht mehr umzusetzen, da aufgrund geänderter Richtlinien zur Abfallentsorgung nun mehr Flächen zur Lagerung des Bauschutts erforderlich sind. Grundsätzlich kann immer nur so viel Material abgebrochen werden, wie auf der Baustelle gelagert werden kann. Dieses Vorgehen hat die Baustelle sehr verlangsamt. Um nicht weiter Zeit zu verlieren, musste man für einen zügigen Baufortschritt prüfen, wo Flächen frei waren. Deshalb haben wir nun im Bereich zwischen Fulda- und Weichselstraße mit dem Umbau begonnen. Bei jeder neuen Planung muss die Verkehrslenkung einbezogen und auch die Verkehrssicherheit gewährleistet werden. Diese und mehr Aspekte machen eine Umplanung sehr aufwändig.

Der Umbau zwischen Anzengruber- und Erkstraße schreitet voran (© Bergsee, blau)

KS: Warum werden überhaupt seit einiger Zeit Flächen für die Lagerung des Bauschutts im Baustellenbereich benötigt?
Boris Schmiereck: Tatsächlich ist die Lagerung des Bauschutts der wesentliche Grund, warum es zu Verzögerungen gekommen ist. Eigentlich ist „nur“ die Änderung einer Richtlinie dazwischen gekommen, die in unserem Fall die Entsorgung des Abdichtungsmaterials des Tunnels betrifft. In den vorangegangenen Bauabschnitten konnte das Abbruchmaterial sofort zur Deponie gefahren werden. Dort wurde dann entschieden, wie es entsorgt wird. Jetzt darf das Abbruchmaterial erst von der Baustelle geschafft werden, wenn es durch ein Analyselabor vor Ort beprobt, im Labor untersucht und klassifiziert wurde. Beim Abbruch des Schutzbetons der Tunneldichtung kann man nicht ausschließen, dass an dem Beton Abdichtungsmaterial haften bleibt. Über einem bestimmten Grenzwert darf das Material nicht recycelt, sondern muss deponiert werden. Diese Vorgaben führen zu einem zusätzlichen zeitlichen und räumlichen Aufwand.

KS: Wie arbeiten Sie mit den verschiedenen Leitungsunternehmen zusammen?
Boris Schmiereck: Da alle Leitungen neu verlegt werden, arbeiten viele verschiedene Leitungsbetriebe an der Baustelle mit. Jeder benötigt dafür andere Fachleute, denn die fachlichen Anforderungen sind jeweils höchst unterschiedlich. Z. B. kann die Verlegung von Elektroleitungen nicht durch einen Fachbetrieb für Abwasserentsorgungsleitungen übernommen werden und umgekehrt.

Die einzelnen Verlegungsarbeiten werden in einem Bauzeitenplan miteinander abgestimmt, auf den die Firmen ihre Planung ausrichten. Wenn es dann bei dem einen z. B. etwas schneller geht, kann der andere aber nicht einfach ad hoc seine Maßnahmen früher anfangen. Keiner steht allzeit bereit.

KS: Können Sie uns beschreiben, welche praktischen Auswirkungen es hat, wenn unerwartete Dinge auf der Baustelle auftreten?
Boris Schmiereck: Sobald eine Firma eine Besonderheit feststellt, meldet sie es der Projektsteuerung. Mögliche Verzögerungen müssen dann mit dem „Nachfolger“ auf der Baustelle geklärt werden. Manchmal stoßen die Unternehmen z. B. auf Leitungen, die nicht in den Bestandsunterlagen eingezeichnet sind. Dann muss zunächst geklärt werden, wem diese gehören und ob diese genutzt werden oder tot sind.

Beim Rückbau wurden auch schon unbekannte Hohlräume unter der Straße festgestellt. Hier musste herausgefunden werden, ob diese vielleicht durch Schäden in der Abwasserleitung verursacht wurden. Als Bauleiter für den Straßenneubau muss ich mich dann mit meinem Fachkollegen in der Straßenunterhaltung in Verbindung setzen. Eventuell kann dann mit Suchschlitzen das Problem untersucht und geklärt werden. Die große Aufgabe besteht für uns deshalb darin, für die einzelnen Aufgaben ausreichende Zeitfenster vorzugeben, um nicht bei jeder unerwarteten Entwicklung die Zeitpläne anpassen zu müssen. Die Zeitplanung muss aber auch Dinge wie Heizperioden bedenken. Die Fernwärmeleitungen können nur im Sommer bzw. außerhalb der Heizperiode erneuert werden. Das lässt sich nicht verschieben, sonst kann man erst im folgenden Jahr weiterarbeiten.

KS: Herr Schmiereck, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Interview: Stephanie Otto