Der Broadway Nº 10 – 2018/2019 widmet sich dem Thema „Wandel“. Kaum ein Begriff beschreibt die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre treffender – solange existiert die [Aktion! Karl-Marx-Straße] im Zentrum Karl-Marx-Straße nun schon.

Das Magazin beleuchtet den Wandel aus vielen unterschiedlichen Perspektiven – von den Menschen, die hier leben und arbeiten, über den öffentlichen Raum, die Entwicklung des Handels und der Gastronomie bis zur neuen Begeisterung für die Stadtnatur. Diese vielen unterschiedlichen Facetten zeigen das bunte Bild des Neuköllner Zentrums, seiner Chancen und Herausforderungen.

Die Wahrnehmung des Stadtgrüns ändert sich

Vor dem Hintergrund einer wachsenden Metropole und eines immer deutlicher spürbaren Klimawandels erhalten Stadtnatur und naturnahe Freiflächen eine immer größere Bedeutung. Der Druck, freie Flächen zu bebauen, steigt ebenso. Stadtbewohner*innen schätzen das Urbane, wollen jedoch nicht auf Natur verzichten. Fast 44 Prozent des Berliner Stadtgebietes sind Wald, Gewässer, Kleingärten, Parkanlagen, Landwirtschaft oder Sportflächen. Diese urbane Natur scheint selbstverständlich. Sie wurde oft erst wahrgenommen, als sie bedroht oder beseitigt wurde. Das hat sich in den letzten Jahren geändert.

Hochbeete Donaukiez

Temporärer Straßengarten des Projekts „Grüner Donaukiez“ in der Donaustraße © Matteo Ciprandi

Natur im Zentrum der Stadt ist heutzutage fast ausschließlich von Menschen gestalteter Raum, welcher sehr vielfältig und unterschiedlich in Ausprägung und Wertigkeit ist. Straßenbäume, Baumscheibengrün, Parkanlagen, Kleingärten, Hof- und Dachbegrünungen, Balkone und üppiger Pflanzenwuchs an Gebäudefassaden, aber auch Gemeinschaftsgärten und Friedhöfe bilden ein ökologisches Netz in der Stadt, dessen große Bedeutung inzwischen von vielen erkannt wird. Die Gruppe der Baumscheiben- und Stadtgärtner*innen ist im Stadtbild fast überall wahrnehmbar. Alleine etwa 3000 grüne Baumscheiben haben im Neuköllner Norden das Stadtbild positiv beeinflusst. Gartenprojekte beleben den Gemeinschaftsgedanken, fördern nachbarschaftliche Kommunikation und Austausch im Kiez und bieten Umwelterfahrungsräume für Klein und Groß. Durch den eigenhändigen Umgang mit Natur verändert sich nicht selten auch die Einstellung zum Beispiel zu Fragen von Nachhaltigkeit, Ernährung und Müllvermeidung. Gärtner*innen sind sensibler. Teilweise werden sie so produktiv, dass sie mit „urban food growing“ einen Beitrag zur eigenen Ernährung oder sogar zur Nahrungsmittelversorgung der Metropole leisten.

Baumscheiben

Die üppig bepflanzte Baumscheibe in der Neckarstraße als kleiner Garten vor der Haustür

Der soziale Wert von Stadtnatur insbesondere von Gemeinschaftsgärten oder gemeinschaftlichen Umweltaktivitäten ist inklusiv, denn er führt Interessierte zusammen. Alter, Herkunft, Bildung oder Fähigkeiten spielen dabei eher nachgeordnete Rollen. Jeder Mensch besitzt Potenziale, die im Rahmen dieses gemeinschaftlichen Lernens eingebracht werden können. Wenn in einem Garten gemeinsam gepflanzt und gekocht wird, dann sprechen Hände und Geschmack und für neu Angekommene kann Spracherwerb „ganz nebenbei“ erfolgen.

Rixbox Dach Pflanzkübel

Urban Gardening auf dem Dach der Rixbox © Hossein Eggebrecht

Der ökologische Wert von Stadtnatur zeigte sich in diesem Extrem-sommer 2018 besonders deutlich. Begrünte Höfe und Fassaden trugen zu einer höheren Wasserverdunstung bei. Der große Baum im Innenhof sorgt problemlos für eine mehrere Grad geringere Temperatur im Vergleich zur Straße vor dem Haus. Hitzebedingte Gesundheitsrisiken werden gemildert. Stadtgrün bindet Feinstaub, schafft Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleinsäuger und trägt dazu bei, dass die Folgen von Starkregenereignissen begrenzt werden, denn Gründächer und begrünte Flächen speichern Wasser, das dann nicht in die Kanalisation und schlimmstenfalls mit viel Schmutz in unsere Flüsse geleitet wird. Wichtig dabei ist es, das eigene Gärtnern naturnah, ohne Torf in der Blumenerde, ohne Chemie im Gießwasser und mit möglichst naturnaher Pflanzenauswahl (z. B. blühende Mittelmeer-Kräuter) zu gestalten. Wer so handelt, wird sich bald an Wildbienen, Hummeln, Schmetterlingen und Vögeln erfreuen können.

Die Stadt der Zukunft muss sich Natur erhalten und in passenden Nischen neue Naturräume schaffen, denn ausreichend urbane Natur ist ein Garant für Lebensqualität, Gesundheit und Artenvielfalt.

Dr. Christian Hoffmann, Umweltconsulting Dr. Hoffmann