Der Broadway Nº 10 – 2018/2019 widmet sich dem Thema „Wandel“. Kaum ein Begriff beschreibt die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre treffender – solange existiert die [Aktion! Karl-Marx-Straße] im Zentrum Karl-Marx-Straße nun schon.

Das Magazin beleuchtet den Wandel aus vielen unterschiedlichen Perspektiven – von den Menschen, die hier leben und arbeiten, über den öffentlichen Raum, die Entwicklung des Handels und der Gastronomie bis zur neuen Begeisterung für die Stadtnatur. Diese vielen unterschiedlichen Facetten zeigen das bunte Bild des Neuköllner Zentrums, seiner Chancen und Herausforderungen.

Von Form und Funktion

Gebäude sind Repräsentanten ihrer Zeit. Ihre Fassaden und Architektur bestehen meist länger als die Nutzung, für die sie gebaut worden sind. Sie beeinflussen manchmal noch Jahrhunderte nach ihrer Entstehung den sie umgebenden städtischen Raum, wobei die Welt herum sich in dieser Zeit massiv verändert hat. Was macht die Zukunft mit der Vergangenheit der Gebäude?

Schalterhalle

Historische Aufnahme der Schalterhalle des Sparkassengebäudes © Museum Neukölln

Entlang der Karl-Marx-Straße prägen seit über 100 Jahren einige wenige monumentale Gebäude das Bild der Straße. Dazu gehören das Rathaus, das Amtsgericht und die Alte Post. Sie sind Baudenkmale aus einer Zeit, als Neukölln zur Großstadt wurde. Zu dieser Kategorie gehört auch das Bankgebäude in der Karl-Marx-Straße 107. Mit dem Umzug der Filiale der Berliner Sparkasse 2017 endete am Alfred-Scholz-Platz eine Ära. Wie auch die Post, die 2003 aus ihrem angestammten Gebäude auszog, hinterlässt dieser Umzug eine Leerstelle im Zentrum, die es neu zu füllen gilt.

Alte Sparkasse

Repräsentative Banken-Architektur am heutigen Alfred-Scholz Platz, 1950er Jahre © Museum Neukölln

Sparkassenfiliale heute

Die heutige Sparkassen-Filiale Karl-Marx-Straße 91

Schauen wir kurz zurück: Das „kleine Bankenviertel Neuköllns“ mit Reichsbankgebäude (heutiges PRACHTWERK) und Sparkasse befand sich Ecke Ganghoferstraße / Karl-Marx-Straße. Das Gebäude am heutigen Alfred-Scholz-Platz entstand zwischen 1915 und 1918, um die Sparkasse aus dem Rathaus Neukölln in ein eigenes Verwaltungsgebäude auslagern zu können. Bauherr war der Magistrat der Stadt Neukölln unter dem ausführenden Stadtbaumeister Zollinger. 1896 hatte die Gemeindevertretung von Rixdorf die Errichtung einer eigenen Sparkasse beschlossen, die Berliner Sparkasse gab es hingegen schon seit 1818. Eigentliches Ziel der neuen kommunalen Banken war es, auch kleinen Leuten unter dem Leitspruch „Spare in der Zeit, so hast Du in der Not“ das Sparen zu ermöglichen, doch die Sparkasse bekam großen Zulauf aus allen gesellschaftlichen Schichten. In Neukölln schien der wirtschaftliche Erfolg besonders ausgeprägt. Rudolf Schöbel, Zweigstellenleiter an der Karl-Marx-Straße, befand Anfang der 1960er Jahre: „Das Sparkassenwesen in Neukölln hat eine gute Tradition und steht deshalb nicht ohne Grund mit an der Spitze aller zwölf Bezirke, die den freien Teil unserer Stadt repräsentieren.“

Prachtwerk

Das Prachtwerk im ehemaligen Gebäude der Reichsbank Ganghoferstraße 2 © Prachtwerk

Mittlerweile liegt die Zukunft offenbar beim Online-Banking. Das hat Auswirkungen auf das Filialnetz – nicht nur der Sparkasse. Auch die baulich imposante Repräsentanz des Gebäudes am Alfred-Scholz-Platz brauchte es wohl nicht mehr. Geringere Erträge, unter anderem durch das stark wachsende Online-Banking, sind einige Gründe dafür. Die Karl-Marx-Straße bleibt weiterhin ein bevorzugter Standort der Berliner Sparkasse – wenn auch in völlig neuem Gewand. An der Karl-Marx-Straße 91 wird ein neues „Wohlfühlkonzept“ verfolgt. Kiez-Nachrichten, eine ansprechende Möblierung oder WLAN-Angebote sollen die Wartezeit z. B. für einen Beratungstermin versüßen. Die Berliner Sparkasse sieht sich so für die Zukunft besser aufgestellt.

Welche Spuren hinterlässt die Geschichte der Sparkasse, wenn eine neue Nutzung für das Gebäude am Alfred-Scholz-Platz gefunden ist? In die große Schalterhalle wird wieder Leben einziehen, das ist sicher. Vielleicht werden die Besucher*innen dann die Kulisse bestaunen, die von einer anderen Zeit erzählt. Gelebte Geschichte!

Stephanie Otto, raumscript