„Potenzial lokal“ heißt das Oberthema der 13. Ausgabe des Magazins BROADWAY Neukölln. Im zweiten Jahr der Pandemie war es dem Redaktionsteam besonders wichtig, einige der besonderen und vielfältigen Potenziale des Zentrums Neukölln ins Blickfeld zu rücken. Diese Potenziale sind es, die Kraft und Anziehungskraft entfalten, sich abheben und damit besondere Angebote für die Menschen hier und die Gäste des Zentrums Karl-Marx-Straße machen.

Stand Dezember 2021

Ein Kunstfestival als Botschafter Neuköllns:
48 Stunden Neukölln

48 STUNDEN NEUKÖLLN verwandelt den Bezirk einmal im Jahr in ein künstlerisches Experimentierfeld. Es ist ein Forum für künstlerische Projekte aller Sparten der Berliner Kunstszene und hat sich seit der Gründung 1999 als Berlins größtes freies Kunstfestival etabliert.

Das Festival wurde vom Verein Kulturnetzwerk Neukölln e. V. gemeinsam mit den damaligen Kulturakteuren (Neuköllner Oper, die kommunalen Galerien, Werkstatt der Kulturen u. v. m.) unter anderem auch als Antwort auf den Spiegel-Artikel 1997 „Endstation Neukölln“ von Peter Wensierski ins Leben gerufen. Im Rahmen einer Zukunftswerkstatt im Jahr 2012 verdichtete und fokussierte sich 48 STUNDEN NEUKÖLLN zu einem Kunstfestival unter einem jährlichen thematischen Schwerpunkt. Das Kunstfestival fand bis 2021 mit 250 bis 300 inhaltlichen Festivalbeiträgen und einem lokalen Programm statt. Zum nächsten Festival im Jahr 2022 gründet sich ein neues Kernteam, das die Strukturen des Festivals hinterfragen möchte.

Aushang, Installation und Soundperformance in der Fontanestraße von Daniel Hölzl und Jonas Höschl, 2021, © Christof Gebhardt

Transparenz und lokale Intiative
Das Festival basiert auf der gemeinsamen Initiative und Teilhabe von Künstler*innen, Besucher*innen und Anwohnerschaft. Diese sind eine wichtige Grundlage für den Erfolg der Gesamtveranstaltung. Neukölln als Festivalstandort zeichnet sich durch besondere Charakteristiken aus. In und für Neukölln entstehen Kunstprojekte, die ihre Inspiration aus den lokalen Lebensrealitäten, der vorhandenen Diversität und der besonderen Demografie beziehen. Die Dichte an nicht-kommerziellen und experimentierfreudigen Projekträumen, Initiativen und Galerien bildet den Grundstein für das jährliche Festivalprogramm. Damit gibt es hier auch im Vergleich zu anderen Berliner Stadtteilen ein großes Potenzial, die urbanen Räume zu öffnen und künstlerisch zu bespielen. Diese Besonderheiten nimmt das neue Festival-Kernteam, bestehend aus alten und neuen Kolleg*innen, auf. Das Festival möchte mit Hilfe der diversen Akteure hinterfragen, wie ein zeitgenössisches Kunstfestival mit lokalem Mehrwert arbeitet, sich gestaltet, sich repräsentiert und aussieht. Dies bezieht sich unter anderem auf bestehende Strukturen, Arbeitsprozesse, kuratorische und organisatorische Praktiken.

Dematerialization is coming, Installation und Performance in der Neuköllner Passage von Anton Steenbock, 2019, © Jörg A. Fischer

Internationale Wirkkraft
Die künstlerischen Arbeiten bei 48 STUNDEN NEUKÖLLN wirken als Impulse weit über Berlin-Neukölln hinaus, beziehen Stellung zu gesamtgesellschaftlichen Fragen und fördern einen nachhaltigen Austausch mit der internationalen Kunstszene. Dieses Jahr reiste das Festivalformat nach Novosibirsk, sodass vom 17.–19.9.2021 48 STUNDEN NOVOSIBIRSK bereits zum zweiten Mal unter dem diesjährigen Thema „Survival Bias“ stattfand. Mit den Erfahrungen aus Neukölln wurde zusammen mit dem ansässigen Goethe-Institut und dem Kunstzentrum ZK19 das partizipative und dezentrale Festivalformat an die besonderen Strukturen von Novosibirsk angepasst und zum eigenen Kunstfestival entwickelt. In zwei Tandemprojekten gingen Künstler*innen aus Novosibirsk und Neukölln in den direkten Austausch. Nächstes Jahr werden Künstler*innen aus Novosibirsk nach Neukölln reisen und hier eine Ausstellung mit ihren Positionen realisieren.

Auch die Kooperation mit dem dänischen Kunstfestival „Trekant-Fest“ konnte 2021 wieder erfolgreich aufgenommen werden. Die Künstler Daniel Hölzl und Jonas Höschl reisten mit der Installation und Soundperformance „Aushang“ (siehe Foto links) an drei Orte in Dänemark. In der Installation ist zu sehen, wie das Innere eines Neuköllner Wohnzimmers nach außen gestülpt wird. Unterstützt wird die permanente Installation mit einer Soundperformance, basierend auf dem Dokumentarfilm „Gropiusstadt – Ist alles Kacke hier!“ (1990) von Eberhard Weißbart.

Zerrissen in der Zeit, Videoprojektionen und Live Performance mit der Tanzcompagnie Puls’Art aus Montpellier, Nikodemus Kulturkirche 2019, © Jens Ferchland

Gesamtgesellschaftlicher Bezug
In 48 Stunden zeigt Kunst, dass sie mehr ist als Exponate in Galerien und Museen: Sie verbindet, konfrontiert, kommuniziert, hat ein Anliegen. Diskursive, partizipative und interdisziplinäre Ansätze stehen daher im Vordergrund. Zugleich liegt der Fokus auf künstlerischen Positionen, die sich mit der Kunst selbst auseinandersetzen – mit ihren Produktionsbedingungen, Verfahrensweisen und sozialen Funktionen. Auf dieser breiten Basis an künstlerischen Ausdrucksformen öffnet sich das Festival für das Zeitgenössische und Politische in der Kunst.

Ein Blick nach vorn
Um die Qualität des Festivals aufrecht zu erhalten und den Anschluss an das gegenwärtige und zukünftige Neukölln nicht zu verpassen, fragen wir: Wie sieht ein zeitgenössisches Kunstfestival aus? Welche Zielgruppen werden durch welche Projekte und Formate erreicht? Wie können wir die lokale Kunst- und Kulturszene stärken? Welchen lokalen Mehrwert kann das Festival bieten? Wie möchten wir Neukölln prägen? Die Fragen richten sich zum einen an uns als Festivalteam, aber auch an die lokale Kunst- und Kulturszene. Wir freuen uns auf den Austausch vor, während und nach dem Festival 2022.

Sharmila Sharma, Kulturnetzwerk Neukölln e.V.