„Potenzial lokal“ heißt das Oberthema der 13. Ausgabe des Magazins BROADWAY Neukölln. Im zweiten Jahr der Pandemie war es dem Redaktionsteam besonders wichtig, einige der besonderen und vielfältigen Potenziale des Zentrums Neukölln ins Blickfeld zu rücken. Diese Potenziale sind es, die Kraft und Anziehungskraft entfalten, sich abheben und damit besondere Angebote für die Menschen hier und die Gäste des Zentrums Karl-Marx-Straße machen.

Stand Dezember 2021

Karl-Marx-Straßen anderswo

Nomen est Omen: Mit Namen verbinden wir bestimmte Eigenschaften und Vorstellungen. Sie sind Teil einer Identität und prägen uns ein Leben lang. Das gilt auch für Straßennamen, wie viele aktuelle Debatten um Umbenennungen unterstreichen. Straßennamen sind täglich im Gebrauch und haben damit eine besondere Wirkung auf die Öffentlichkeit. Sie sind Adressen von Menschen, Geschäften, Einrichtungen – wie die Karl-Marx-Straßen in Neukölln und anderswo.

Im Mittelalter waren Straßennamen nur Orientierungshilfen. Oftmals beschrieben sie bloße Merkmale einer Straße (breit, schmal, kurz). Sie verorteten wichtige Gebäude wie Kirchen und Rathäuser, zeigten an, wo bestimmte Handwerker zu finden waren (Gerber, Metzger, Tischler, …) oder wiesen in die Richtung eines Fernziels, um die fremden Reisenden auf den richtigen Weg aus dem Ort zu schicken (Potsdamer Chaussee, …). Seit Ende des 18. Jahrhunderts wurden Straßennamen als Kommunikationsmittel entdeckt, um Geisteshaltungen zu transportieren, wichtige Persönlichkeiten zu ehren oder historische Ereignisse zu würdigen. Dies war entsprechend der Zeiten mal mehr, mal weniger politisch.

Die 1,3 Kilometer lange und ländlich geprägte Karl-Marx-Straße in Schipkau in der Niederlausitz. © Che Seibert

Schaut man mit Unterstützung einer Datenbank von ZEIT online (interactive.zeit.de/strassennamen) auf Deutschlands Straßen, werden interessante Muster deutlich. So befindet sich von den bundesweit gelisteten 181 Benennungen nach dem Herrschergeschlecht der Hohenzollern nur eine entsprechende Straße auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Ebenso gibt es hier nur noch sehr wenige Kaiser- und Königsstraßen. Die Karl-Marx-Straßen konzentrieren sich hingegen eindeutig im Osten – hier vor allem rund um Berlin, in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Wenngleich deutlich weniger, tragen aber auch Straßen im Westen Deutschlands den Namen von Karl Marx – selten allerdings an so zentraler Stelle wie in Neukölln.

In Heilbronn beginnt sie als grüne Wohnstraße und geht in die industriell geprägte Karl-Marbach-Straße über. © Che Seibert

In Bad Freienwalde erhielt eine historische Straße von 1724 im Jahr 1953 den Namen von Karl Marx. © Che Seibert

In Deutschland gibt es laut ZEIT-Datenbank 402 Karl-Marx-Straßen, 484 Straßen und Plätze sind insgesamt nach ihm benannt. Andere Zählungen gehen sogar von noch mehr aus. Berlin kommt auf drei Bezeichnungen. Mit dem Karl-Marx-Platz und der Karl-Marx-Straße liegen zwei davon in Neukölln. Ausgangspunkt hierfür war wohl die Anordnung des Magistrats von West-Berlin im Jahr 1945, Straßen mit nationalsozialistischen und wilhelminischen Namen umzubenennen. Bei der ersten Neuköllner Wahl nach dem Krieg im Oktober 1946 wurden die Sozialdemokraten stärkste politische Kraft. Sie gaben dem Hohenzollernplatz und der Bergstraße den Namen von Karl Marx als eine Art politisches Bekenntnis. Der Name ist bis heute geblieben.

Stephanie Otto, raumscript

Die Karl-Marx-Straße in Hanau ist eine Anliegerstraße mit vielen Bauten aus den 1950er Jahren und liegt östlich der Kernstadt im Lamboyviertel. © Che Seibert

Che Seibert, Fotograf aus Wuppertal, startete das Karl-Marx-Projekt zum Gedenken an Karl Marx, dessen Geburtstag sich am 5. Mai 2018 zum 200. Mal jährte. Seine digitale Sammlung umfasst neben Straßen und Plätzen auch Denkmäler, Schulen und Gebäude sowie Links zu Einrichtungen oder Stiftungen. Seit 2018 beschäftigt sich Che Seibert fotografisch auch mit dem öffentlichen Gedenken an Friedrich Engels.

www.karl-marx-in-deutschland.de