„Potenzial lokal“ heißt das Oberthema der 13. Ausgabe des Magazins BROADWAY Neukölln. Im zweiten Jahr der Pandemie war es dem Redaktionsteam besonders wichtig, einige der besonderen und vielfältigen Potenziale des Zentrums Neukölln ins Blickfeld zu rücken. Diese Potenziale sind es, die Kraft und Anziehungskraft entfalten, sich abheben und damit besondere Angebote für die Menschen hier und die Gäste des Zentrums Karl-Marx-Straße machen.

Stand Dezember 2021

Post-Corona: Wie entwickeln wir die  Innenstädte der Zukunft?

Was trägt die Zentren aus der Krise? Eins scheint trotz aller Unsicherheiten immer klarer zu werden: eine gute Angebotsmischung, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt, und die ­Zusammenarbeit aller Akteure im Zentrum sind wichtige lokale Potenziale, die Zentren als städ­tische Mittelpunkte zu stärken und die wirtschaftliche Situation für Handel, Dienstleistung und Kultur zu verbessern. Zur Zukunft der innerstädtischen Zen­tren nach der Pandemie ein Gespräch mit Paul Gallep vom Planungsbüro LOKATION:S.

Herr Gallep, die Pandemie hat viele innerstädtische Zentren in die Krise gestürzt. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?
Paul Gallep: In den Innenstädten ist während der Pandemie (2020) der Umsatz um 20 % eingebrochen, die Besucher-­Frequenz ist sogar um 33 % zurückgegangen. Der Zuwachs des Online-Handels lag gleichzeitig bei 30 % (IFH Köln, 2021). Vieles wird sich erst in der nächsten Zeit zeigen. So ist die Zahl der pandemiebedingten Pleiten noch nicht abzusehen. Derzeitige Trends und Treiber der Entwicklung sind unter anderem die Mobilitätswende, die Digitalisierung und der Klimawandel. Das sind Themen, die auch vor der Pandemie schon aktuell waren, aber noch einmal wie unter einem Brennglas verstärkt wurden.

Wie beurteilen Sie die Situation des Zentrums Karl-Marx-Straße?
Die Karl-Marx-Straße ist wie viele Zentren schon lange nicht mehr nur ein Ort des Einkaufens und des Handels. Das ist positiv. Die Angebotsvielfalt ist entscheidend für das Funktionieren der Zentren auch nach der Krise. Gibt es Kinos, Theater, Kultur? Kann ich hier Freunde treffen? Finde ich hier Ärzte und Beratungsstellen? Das alles trifft auf die Karl-Marx-Straße zu. Gleichzeitig wird durch den Umbau der Aufenthalt im öffentlichen Raum der Straße attraktiver. Dazu gehört der Alfred-Scholz-Platz, auf dem sich die Menschen treffen und zu normalen Zeiten auch feiern können. Im Zentrum Karl-Marx-Straße wohnen viele Menschen. Dies sorgt für lokale Nachfrage und führt zu einer Belebung des öffentlichen Raums auch außerhalb der Geschäftszeiten. Die Karl-Marx-Straße hat also erstmal ganz gute Voraussetzungen für die Bewältigung der Krise. Umgekehrt braucht es aber weiterhin besondere Angebote, die sowohl auf die Interessen der direkten Nachbarschaft als auch auf die der Gäste des Zentrums zielen.

Neue Aufteilung des Straßenraums mit mehr Platz für Fuß- und Radverkehr, © Susanne Tessa Müller

Wonach richtet sich die Entwicklung des Zentrums?
Die Leitbilder haben sich sehr gewandelt. In den 1950er und 1960er Jahren plante man die autogerechte Stadt. Mit dem steigenden Verkehr in den Innenstädten wurden die Zen­tren mehr und mehr zu Transiträumen für den Verkehr. Eine Hauptattraktion war das Warenhaus, das das „Haus“ zum Kristallisationspunkt der Kauf-Angebote machte und weniger das Zentrum insgesamt. Mittlerweile ist man zurückgekehrt zur „Stadt der kurzen Wege“, der Förderung der Nutzungsmischung sowie der Entwicklung attraktiver öffentlicher Räume. Strategisch rückt die Anpassungsfähigkeit der Städte immer mehr in den Mittelpunkt, um z. B. auf den Klimawandel oder weitere Krisen wie eine Pandemie besser reagieren zu können (siehe „Neue Leipzig Charta, 2020“). Der stationäre Handel spielt weiterhin eine wichtige Rolle. Es wird aber immer bedeutender werden, kreative Geschäftsmodelle umzusetzen. Das kann z. B. eine Kombination von Nutzungen sein, über die die Kosten querfinanziert werden. Diejenigen, die die Zentren gestalten, müssen sich fragen: für wen ist das Zentrum da und wem werden Angebote gemacht? Dabei lohnt es sich, aus der Perspektive der Nutzenden zu schauen: fährt z. B. jemand nach der Arbeit im Zentrum sofort nach Hause oder gibt es auch nach 18 Uhr noch etwas, das sie bzw. ihn dort hält. Was sind Orte für Familien, ältere Menschen und andere Zielgruppen?

Was sind mögliche Instrumente, die Innenstädte bzw. Zentren wieder attraktiver zu machen?
Sehr sinnvoll ist es, die Erdgeschosszonen in den Blick zu nehmen. Diese haben eine wichtige Funktion für die Belebung der Innenstädte und sind die „Bühne“ der Innenstadt. Es gibt aktuell erste Pilotvorhaben, die Gestaltung bzw. Vermietung der Erdgeschosszonen zu kuratieren. Das heißt, es wird eine koordinierte Vermietung der Erdgeschossflächen vorgenommen und damit eine Angebotsmischung gefördert. Zu diesem Zweck müssen neue Kooperationen gebildet werden.

Kultureinrichtungen beleben das Zentrum, © BSG

Im Zentrum ballt sich zunehmend der Verkehr. Der Platz dafür bleibt aber begrenzt. Wieviel Verkehr ist gut für das Zentrum?
Die Mobilitätswende ist meiner Meinung nach unaufhaltsam. Autofahrende werden längerfristig das Zentrum nicht mehr so stark wie früher als Transitraum nutzen. Ich bin optimistisch, dass sich auch durch die neue Aufteilung des Straßenraums der Karl-Marx-Straße positive Effekte ergeben. Durch die Pandemie hat der Radverkehr deutlich zugenommen. Eine aktuelle Umfrage am Kottbusser Damm und an der Hermannstraße zeigt, dass 91 % der Umsätze in den lokalen Geschäften durch jene kamen, die zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem ÖPNV unterwegs waren (IASS Potsdam, 2020). Die Umsetzung von Konzepten für die Verknüpfung der Verkehrsströme im Umweltverbund (Rad, Fuß, ÖPNV) wird den Zentren guttun und gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Welche Akteure müssen für eine positive Veränderung des Zentrums zusammenwirken?
Stadt- und Bezirksverwaltung kommt die Aufgabe zu, die grundsätzlichen Entwicklungsprozesse in den Zentren zu steuern und zu moderieren. Dabei ist die enge Zusammenarbeit mit den privaten Anbietern – sei es Handel, Gewerbe, Dienstleistung oder Kultur – sehr wichtig. Eine wesentliche Rolle nehmen auch Akteursgruppen wie die Lenkungsgruppe der [Aktion! Karl-Marx-Straße] ein. Diese beraten und bewerten die Entwicklungen aus zivilgesellschaftlicher Sicht und spiegeln dies der Verwaltung wider. Grundsätzlich sollte von allen Seiten Initiative für das Zentrum ergriffen werden. Dabei braucht es auch Experimentierräume für das Ausprobieren neuer Geschäfts- und Finanzierungsmodelle, denn Private gehen mit neuen Ideen oft ein hohes ökonomisches Risiko ein. Auch die Eigentümerinnen und Eigentümer der Flächen sind extrem wichtige Akteure. Sie sollten bei der Vermietung prüfen, was die Menschen in den Zentren wollen und brauchen und sich nicht nur von der höchsten erzielbaren Miete leiten lassen. Auf der Nachfrageseite sind auch die Anwohnenden wichtige Player, die die Entwicklung des Zentrums beeinflussen. Auch sie brauchen Möglichkeitsräume zur Mitgestaltung. Für die Steuerung der Entwicklung muss also viel kommuniziert und zusammengebracht werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Stephanie Otto, raumscript

Paul Gallep
Foto: Linda Dudacy

Paul Gallep ist Stadt- und Regionalplaner und in verschiedenen Themenfeldern der Stadtentwicklung tätig. Als Projektmitarbeiter bei LOKATION:S Partnerschaft für Standortentwicklung umfassen seine Arbeitsbereiche die Erstellung von stadtplanerischen Entwicklungskonzepten, die Konzeption und Umsetzung von Strategien der Standortentwicklung sowie die anwendungsbezogene Forschung und Bürgerbeteiligung.