Im KARLSON #7 – 2020, der Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee informieren wir Sie wieder über die Entwicklungen und Projekte, die das Geschehen der städtebaulichen Sanierung aktuell prägen. Wir geben Ihnen in dieser Ausgabe unter anderem eine Übersicht über die noch ausstehenden Vorhaben im Sanierungsgebiet, stellen Ihnen die Planungen für die Weserstraße, den Wildenbruchplatz, den Karl-Marx-Platz und die Thomasstraße vor und befassen uns mit den Auswirkungen des Klimawandels und Klimaschutzes auf die Planungen vor Ort. Nachfolgend können Sie sich die einzelnen Artikel ansehen und auch herunterladen.

Stand Juni 2020

Von Mühlen, Hohenzollern und Karl Marx

Eine kurze Chronik des Karl-Marx-Platzes

Das Stadtbild ist immer auch ein Spiegel der vielfältigen Geschichte eines Ortes. Auch am Karl-Marx-Platz werden Zeitenwenden sichtbar. Einst war er eher Übergangsraum vom deutsch-böhmischen Rixdorf zu den Mühlen am Rande der Siedlung und wurde rund 150 Jahre später zum Schauplatz des Denkmalkults um Kaiser Wilhelm I. Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs erfolgte 1950 die Umbenennung von Hohenzollern- zu Karl-Marx-Platz. Eine kurze politische Parteienkonstellation hatte dies wie auch schon bei der Karl-Marx-Straße ermöglicht. In den 1960er Jahren war der Platz trister Stadtraum der autogerechten Stadt und wurde ab den 1980er Jahren allmählich wieder umgenutzt. Nun soll er wieder zu einem Ort werden, der einem angenehmen Aufenthalt und umweltfreundlichem Verkehr den Vorrang einräumt.

Hohenzollernplatz mit Reiterstandbild Wilhelm I., nach 1902 (© Museum Neukölln)

Der Blick auf die Doppelplatzanlage Richardplatz/ Karl-Marx-Platz verwundert zunächst. Beide Plätze grenzen aneinander: der Karl-Marx-Platz verengt sich in Richtung Osten und führt zum historischen Kern Rixdorfs, dem Richardplatz. Hier ist der Karl-Marx-Platz jedoch mehr Straße als Platz. Vom großstädtischen Leben an der Karl-Marx-Straße fühlt man sich an dieser Stelle reingezogen in die fast dörfliche Welt dahinter. Der historische Straßengrundriss hat sich bis heute nicht wesentlich verändert. Der Karl-Marx-Platz hieß bis 1902 Mühlenstraße. Während man über die „nördliche Mühlenstraße“ über die Bergstraße (heute Karl-Marx-Straße) zum Grünen Weg (heute Thomasstraße) gelangte, führte die „südliche Mühlenstraße“ zum damaligen Mühlenberg zwischen der heutigen Jonas- und Thomasstraße. Hier befanden sich seit 1737 und 1744 die deutsche und die böhmische Mühle. 1737 hatte der preußische König Friedrich Wilhelm I. das Rixdorfer Schulzengut erworben, um hier böhmische Glaubensflüchtlinge anzusiedeln. Seither gab es zwei getrennte Siedlungen: „Deutsch-Rixdorf“ und „Böhmisch-Rixdorf“ – letztere mit eigener Verwaltung, Gerichtsbarkeit, eigenen Gottesdiensten und seit 1764 auch mit eigener Mühle. Beide Mühlen wurden 1888 abgerissen.

Im Stadtplan von 1900 ist die mit dem Schulhaus bebaute Fläche zwischen den Straßenzweigen der Mühlenstraße noch erkennbar (© Landesbibliothek Berlin)

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die deutschen Schulverhältnisse noch immer sehr schlecht. Rixdorf benötigte dringend ein neues Schulhaus, musste die Kosten allerdings ohne Unterstützung des preußischen Königs tragen. 1840 wurde es zwischen den beiden Straßenzweigen der Mühlenstraße, also mitten auf dem heutigen Karl-Marx-Platz, feierlich eingeweiht. 1900 wurde es schon wieder abgerissen. Ein Grund dafür war wahrscheinlich, dass aus der Mühlenstraße ein neuer Schmuckplatz mit Namen „Hohenzollernplatz“ entstehen sollte. Nachdem Kaiser Wilhelm I. 1888 gestorben war, sahen viele deutsche Gemeinden es als ihre „vaterländische Pflicht“ an, diesem Kaiser ein Denkmal zu setzen. Für die Platzanlage hatte dies weitreichende Folgen: 1902 wurde mit viel ehrenamtlicher und euphorischer Unterstützung aus der Bevölkerung das Denkmal errichtet und eingeweiht. Obwohl nach dem 1. Weltkrieg die Monarchie abgeschafft wurde und der Kaiser nach Holland ins Exil flüchten musste, stand das Denkmal noch bis 1944 an seinem Platz. Auch die in Neukölln in den 1920er Jahren regierenden Sozialdemokraten schafften es aus rechtlichen Gründen nicht, sich des Denkmals früher zu entledigen. Eine Bepflanzung mit Efeu sollte es zumindest verstecken. Die Nationalsozialisten schmolzen das Denkmal 1944 dann zu Kriegszwecken ein

Der Platz in den späten 1940er Jahren (© Museum Neukölln)

Als Folge des 2. Weltkriegs standen auf den Grundstücken Hohenzollernplatz 19, 21 und 23 größtenteils nur noch Ruinen, die Anfang der 1960er Jahre abgetragen wurden. Bis in die 1980er Jahre hatte der 1950 umbenannte Karl-Marx-Platz dann eher eine unspektakuläre Funktion: er bot Raum für Parkplätze, eine Imbissbude und Telefonzellen, war also von einem attraktiven öffentlichen Raum im heutigen Sinne weit entfernt.

1972 rückte der Karl-Marx-Platz in den Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung. Joseph Beuys kehrte nach einer 1. Mai-Demonstration den Platz mit einem Besen mit roten Borsten, um den dort liegengebliebenen Abfall aufzusammeln. Dies diente nach Auskunft des Künstlers als eine kritische Auseinandersetzung mit dem Marxismus.

Eingangstor zum Friedhof am südlichen Karl-Marx-Platz (© Bergsee, blau)

Ab Ende der 1980er Jahre kam auch im Zuge der 750-Jahr-Feier Berlins Bewegung in die Neuordnung des Platzes und seiner Umgebung. In diesem Zusammenhang wurde 1986/87 der Brunnen „Imaginäres Theater“ des Künstlers Hartmut Bonk aufgestellt. Die Freifläche der Grundstücke Karl-Marx-Platz 19, 21 und 23 blieb bestehen und wurde nach einem landschaftsarchitektonischen Entwurf zu einer Wiesenlandschaft modelliert. Dahinter, von der Richardstraße aus zugänglich, liegt der Comeniusgarten. Von hier aus führt der symbolisch gestaltete „Lebensweg“ des Philosophen Comenius auch über den Karl-Marx-Platz zum südlich des Platzes gelegenen Eingangstor des „Böhmischen Gottesackers“ – dem Friedhof, der 1751 als Begräbnisstätte der eingewanderten Böhmen angelegt wurde.

Die geplante Umgestaltung des Platzes ab 2021, die die Menschen künftig noch mehr zum Verweilen einlädt und die Bedingungen für den Radverkehr deutlich verbessert, wird nun wieder eine kleine Zeitenwende markieren.

Stephanie Otto