Im KARLSON #8 – 2021, der Zeitung für das Sanierungsgebiet Karl-Marx-Straße/Sonnenallee informieren wir Sie wieder über die Entwicklungen und Projekte, die das Geschehen der städtebaulichen Sanierung aktuell prägen. In dieser Ausgabe werfen wir außerdem einen genaueren Blick auf die Prozesse, die innerhalb der Verwaltung zur Umsetzung von Maßnahmen im Sanierungsgebiet notwendig sind, und stellen Ihnen auch die neue bezirkliche Anlaufstelle für die Beteiligung von Bürger*innen vor: den Mitmach-Laden Neukölln. Ansonsten erfahren Sie in dieser Ausgabe u. a. mehr über die aktuellen Planungen für den Karl-Marx-Platz sowie über die Planungen für das Kindl Konglomerat mit dem dazugehörigen städtebaulichen Werkstattverfahren. Einen Beitrag zur Geschichte der Warenhauskultur in der Karl-Marx-Straße können Sie in der Sanierungszeitung ebenfalls lesen. Nachfolgend können Sie sich die einzelnen Artikel ansehen und auch herunterladen.

Stand Juli 2021

Neues entsteht

Die Geschichte der Warenhauskultur in der Karl-Marx-Straße

„Ich habe mal irgendwo eine Karikatur gesehen, das moderne Warenhaus als Ventilator, in dessen weitgeöffneten Rachen groß und klein, alt und jung, Männlein und Weiblein verschwand, dessen Saugkraft alle in sich hineinzog“ (Leo Colze, 1908). Heute ist dies ein kaum noch vorstellbares Bild. Der Konsumtempel mit allen Waren unter einem Dach hat deutschlandweit ausgedient, so scheint es.

Das Warenhaus Hertie prägte für gut ein halbes Jahrhundert die Karl-Marx-Straße; gegenüber sieht man das 1953 errichtete Mode-Kaufhaus C&A (Abbildung um 1970), © Museum Neukölln

An der Karl-Marx-Straße begann der Niedergang der Warenhäuser schon ab 2005, als das Kaufhaus Hertie und das Modehaus SinnLeffers ihre Pforten schlossen. 2012 war auch im C&A an der Ecke Anzengruberstraße Ausverkauf. Die Immobilien und Standorte sind in den Neuköllner Sanierungszielen weiterhin als wichtige Standorte, als „Schlüsselimmobilien“, gekennzeichnet. Was hier entsteht, wird sich unmittelbar auf die Qualität des Zentrums Karl-Marx-Straße auswirken und muss deshalb besonders sorgfältig betrachtet werden. Der Blick zurück macht deutlich, dass der Drang zur Veränderung charakteristisch für die Entwicklung der Warenhauskultur war und ist. Dies gilt heute umso mehr, weil sich Ansprüche und Möglichkeiten des Konsums unter anderem durch den Online-Handel in den letzten Jahren grundlegend wandeln.

Die Faszination der neuen Warenwelt nach 1900
Leo Colze beschreibt in seinem Buch „Berliner Warenhäuser“ eindrücklich die Faszination für weite Teile der Bevölkerung, die Anfang des letzten Jahrhunderts von den neuen Warenhauspalästen ausging. Seiner Analyse nach hatten die Warenhäuser erheblichen Einfluss auf die Entwicklung Berlins zu einer Weltmetropole und auch für die Kultur der Geschäfte insgesamt. „Überall da, wo Warenhauspaläste entstanden, begann sich bald in naturgemäßer Folge ein überaus reger Verkehr zu entwickeln. In weiser Erkenntnis dieses zunehmenden Geschäftsverkehrs siedelten sich … Spezialgeschäfte der verschiedensten Branchen an, ihre Fassaden modern ausbauend, in Form und Inhalt das Beste vom Warenhause auf ihren Betrieb übertragend.“ Das war 1908. Die Welle der Warenhauskultur war über Paris und London nach Berlin geschwappt und revolutionierte das bisherige Einkaufsverhalten. Die internationalen Waren konnten von jedem und jeder über Einkommens- und Bildungsschichten hinweg sowie ohne Kaufzwang angeschaut und erworben werden. Kunde und Kundin wurden zum König, egal aus welcher Schicht sie stammten. Ratenkauf und Umtauschrecht ließen Träume wahr werden.

In der großen Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre ging es für die Warenhäuser wirtschaftlich erstmals bergab. Der Zweite Weltkrieg tat sein Übriges. Zu wirklich goldenen Jahre der Warenhäuser wurden die späten 1950er Jahre. Nach den Entbehrungen der Nachkriegszeit gab es einen großen Konsum-Nachholbedarf. Sinnbildlich für das Wirtschaftswunder der Bundesrepublik, das breite Teile der Bevölkerung erreicht hatte, stand die riesige Auswahl der bunten Warenwelt der Warenhäuser.

Das bunte Warensortiment im Kaufhaus „H. Joseph & Co.“, um 1930, © Museum Neukölln

Das Kaufhaus H. Joseph & Co. 
(nachfolgend Hertie, Karl-Marx-Strasse 92)
Nach 1900 gründeten die jüdischen Kaufleute Hermann Joseph und Sally Rehfisch das Neuköllner Kaufhaus H. Joseph & Co. in den Räumen des ehemaligen „Varieté Cafés Germania“ und bauten es zunächst zu einem Mode-Warenhaus aus. Schnell wurde das Haus zum größten Kaufhaus Neuköllns – bis mit dem Bau von Karstadt am Hermannplatz ein neuer Warenhaustempel in Neukölln entstand. Nach der letzten Erweiterung 1928 nahm die neue und prächtige Jugendstilfassade die gesamte Straßenfront zwischen Neckar- und Jägerstraße (heute Rollbergstraße) ein. Hinter dem Haupteingang erstreckte sich ein großer Innenhof mit einem breiten, zentralen Treppenhaus unter einer Glaskuppel. Jenseits des vielfältigen Warenangebots wurde das Publikum mit kulturellen Veranstaltungen ins Haus gelockt.

Das Ende kam für die Geschäftsleute mit dem Nationalsozialismus. Ohne Entschädigung an die Eigentümer übernahm die Max Friedland GmbH 1936 das Grundstück. Im Krieg wurde das Gebäude weitgehend verschont. 1950 erhielten Hermann Joseph und die Erben seines Geschäftspartners ihren Besitz zurück und für zwei Jahre wurde hier das „Kaufhaus Neukölln“ eingerichtet. Die Morgenpost berichtete am 11. März 1950: „Der Straßenverkehr in der Karl-Marx-Straße war gestern kurz vor 15 Uhr gefährdet. So stark ballte sich eine tausendköpfige Menschenmenge vor der geräumigen Einkaufshalle des neuen Kaufhauses Neukölln (…). In weniger als sechs Wochen Umbauzeit entstand aus dem alten Hermann-Joseph-Haus, das dem Bezirksamt vorübergehend als kommunales Lebensmittellager gedient hatte, das zur Zeit größte Warenhaus Berlins mit 30 Schaufenstern, 8 Fahrstühlen und zwei Rolltreppen.“

1952 übernahm die Firma Hertie den Standort. Fünfzehn Jahre später brach auch architektonisch eine neue Zeit an und ein großer Umbau wurde beendet. Von der Jugendstilfassade war nichts mehr zu erkennen. Die Berliner Morgenpost schrieb im November 1967 unter dem Titel „Schlaraffenland mit Selbstbedienung“: „Aus alt mach neu im Berliner Tempo – Hertie Neukölln zeigt es seit Februar der staunenden Menge. Zuerst wurde das Kaufhaus in der Karl-Marx-Straße regelrecht ‚halbiert‘. In der einen Hälfte ging der Verkauf munter weiter, in der anderen wütete die Spitzhacke. Kaum war das letzte Stück Altbau beseitigt, rückten die Handwerker an. (…) Das Erdgeschoß mit 20 Abteilungen sowie das Tiefgeschoß sind fertig; strahlend hell, vollklimatisiert und durch einen Eingang mit Luftschleuse zu erreichen.“ 1968 erfolgte der Abriss von vier Wohnhäusern in der Rollbergstraße, um das Kaufhaus nochmals, vor allem durch ein Parkhaus für 700 Autos, zu erweitern. Zu diesem Zeitpunkt bot es eine Nutzfläche von 30.000 Quadratmetern und war damit das größte aller Berliner Hertie-Häuser.

1983 investierte der Hertie-Konzern nochmals 12 Millionen Mark in eine erneute Modernisierung des Hauses. Zu diesem Zeitpunkt waren hier rund 1.000 Mitarbeitende beschäftigt. Im Dezember 2005 schloss das traditionsreiche Haus. Cornelia Hüge schreibt in ihrem Buch „Die Karl-Marx-Straße, Facetten eines Lebens- und Arbeitsraums“: „Der Außenraum wirkte bald nur noch wie ein tristes Betonmonument, das den Niedergang im Neuköllner Stadtzentrum symbolisierte.“ Von 2008 bis 2010 entstand nach umfassenden Umbaumaßnahmen das heutige Büro- und Geschäftshaus, das als ein erstes Zeichen des neuen Aufbruchs in der Karl-Marx-Straße gedeutet werden kann.

Hauptfront des Kaufhauses „H. Joseph & Co. in der Berliner Straße (Karl-Marx-Straße), 1928 (fototechnisch historisch bearbeitete Aufnahme), © Museum Neukölln

C&A, Quelle, SinnLeffers – 
Die Standorte Karl-Marx-Straße 95 und 101
Das Modekaufhaus C&A zog in das eigens errichtete Gebäude an der Ecke Anzengruberstraße. Beim Baubeginn im April 1953 mussten erst einmal 3000 Kubikmeter Trümmer entfernt und 130 Kubikmeter Stahlbeton von alten Tresorwänden des ehemaligen Bankgebäudes ausgegraben werden. Bei der Eröffnung im September 1953 strömten die Berliner zu Tausenden in die Verkaufsräume. Bürgermeister Reuter beglückwünschte in einem Telegramm den Neubau in Neukölln „als ein weiteres Zeichen für das Vertrauen, das die Firma der wirtschaftlichen Entwicklung Berlins entgegenbringe“ (Berliner Morgenpost, 25.9.1953). Bereits in den späten 1970er Jahren entstand an dieser Stelle wiederum ein Neubau, 1990 wurde dieses Gebäude dann noch einmal umfassend erneuert. Nach der Schließung der C&A-Filiale an diesem Standort wurde das Haus ab 2015 vorübergehend als Unterkunft für Geflüchtete genutzt. Für das zwischenzeitlich wieder leerstehende Gebäude gibt es derzeit neue Perspektiven.

Zur Eröffnung des Quelle-Kaufhauses an der Karl-Marx-Straße 101 im Jahr 1971 strömten wiederum Tausende in die Geschäftsstraße. Die Zeitung berichtete: „Hätten nicht Polizei und BVG schnell geschaltet, wäre gestern in Neukölln der Verkehr zum Erliegen gekommen.“ 1.500 Kauflustige drängten sich vor dem Gebäude, Busse und U-Bahnen machten Sonderfahrten, um den Andrang zu bewältigen.

Quelle trennte sich 1993 bundesweit von 14 ihrer 20 Warenhäuser. Getätigte Millioneninvestitionen hatten sich nicht gelohnt, das Publikumsinteresse war nicht so groß wie erhofft. Davon auch betroffen war das Haus in der Karl-Marx-Straße, das aber von dem konzerneigenen Modehaus SinnLeffers übernommen wurde. Nach dessen Räumung 2006 nutzte das „Karstadt-Schnäppchencenter“ die Flächen. Nun wird wieder umgebaut. Unter dem Namen „Kalle Neukölln“ wird neues Leben an den Standort ziehen (www.kalle-neukoelln.com).

Großer Andrang zur Eröffnung des Quelle-Kaufhauses 1971, © Museum Neukölln

Neue Konzepte für ein lebendiges Zentrum
Der Mythos des klassischen Warenhauses, den manche noch sehnsüchtig beschwören, scheint nicht mehr zurückzukehren. „Alles unter einem Dach“ funktioniert nicht mehr, wo die Lebensstile und Produktpaletten immer individueller werden. Bereits seit den 1970er Jahre waren in den meisten Häusern die Umsätze gesunken. Der wachsende Online-Handel und die Corona-Pandemie geben den Kaufhäusern ohne Neuerfindung der Konzepte den Rest. 2020 gab der Konzern „Galeria Karstadt Kaufhof“ bekannt, deutschlandweit 50 seiner 171 Standorte schließen zu wollen. Eine traurige Entwicklung für viele innerstädtischen Geschäftsstraßen. Es braucht neue Ideen für die zum Teil großen leerstehenden Immobilien. Zum Erfolg neuer Nutzungen und Umbauten wird es wichtig sein, die Lebenswelten der Nachbarschaft in den Geschäftskonzepten zu berücksichtigen. Die Karl-Marx-Straße ist auch dank der Förderung durch das Sanierungsgebiet auf dem Weg.
Stephanie Otto